Tierrettung in letzter Minute

Der junge Mann war vielleicht 19 oder 20 Jahre alt. Behände tänzelte er am Ufer auf und ab, dann glitt er geschwind in das Wasser, um dem starken Zug an seiner Angelrute zu folgen.

Aufmerksam betrachtete ich vom Wasser aus das Geschehen. Es war ein heißer Sommertag und ich frönte meiner Passion für das Schwimmen. Den Großteil meiner Runde hatte ich schon zurückgelegt, da fiel mir der Angler auf. Eine ganze Menge an Repertoire befand sich um eine Bank drapiert um seinen Platz herum; er schien zu wissen, was er da machte. Bisher hatte ich mich noch nicht wirklich mit dem Angelsport auseinandergesetzt, denn im Grunde mieden sich Angler und Schwimmer gegenseitig.

Als Schwimmer musste ich stets auf die ausgelegten und treibenden Köder im Wasser achten, die nahezu unsichtbar verborgen waren und welche bei Kontakt zu empfindlichen Verletzungen führen konnten. Insofern hielt ich immer gebührend Abstand zu Anglern, wenn diese zeitgleich am Baggersee zugegen waren.

Ein ziemlich großer Fisch musste da in das Netz gegangen sein. Das Tier schien zu kämpfen, denn die Leine spannte sich stark und kleine Wasserwellen schwappten zu mir herüber. Mitleid mit diesem stieg unvermittelt in mir auf, hatte es doch keine Chance mehr, seinem traurigen Schicksal zu entkommen.

Vorsichtig näherte sich der junge Mann dem sich windenden Treiben vor ihm. Langsam hob er den mitgeführten Käscher in das Wasser und bewegte sich mit seinem Fang in überlegten Bewegungen Richtung Uferböschung zurück. Gerade wollte ich umdrehen und mich vom Geschehen abwenden, da geschah etwas, das ich so nicht für möglich gehalten hätte.

Mit bedachten Handlungen entfernte der Angler den Widerhaken aus dem Maul des stattlichen, orange-bräunlich schimmernden Fisches, trug diesen auf den Armen und immer mit Wasser benetzt zur Seemitte zurück und setzte diesen wieder in die Freiheit. Beinahe meinte ich das erleichterte Aufstöhnen des Tieres zu vernehmen, noch einmal dem sicheren Tod entronnen zu sein.

Diese Vorgehensweise überraschte mich gänzlich, hätte ich doch erwartet, der junge Mann postete seinen Angelerfolg in den sozialen Netzwerken, nachdem er sich ausgiebig über das Jagdergebnis gefreut hätte. Doch nichts von alledem passierte, der stolze Fisch war wieder seiner natürlichen Umgebung zugeführt worden.

Mich plagte die Neugier und wie ich einmal so bin, dachte ich nicht lange darüber nach, sondern machte mich auf den Weg hin zum Angler. Dieser war gerade damit beschäftigt, Utensilien zu verstauen und sich vermutlich neu aufzustellen. In den Augenwinkeln musste der Mann mich scheinbar bemerkt haben, denn er wirkte auf einmal ein wenig nervös und fahrig.

Als ich das Ufer erreicht hatte, hielt ich inne und wartete geduldig, bis er sich zu mir umdrehte, denn ich wollte ihn weder erschrecken noch in seiner Tätigkeit stören.

Nachdem wir uns dann begrüßt hatten, fragte ich ihn direkt, warum er so wie eben agiert hatte. Er gab mir bereitwillig Auskunft und erklärte mir, dass es Vorschrift war, nur Tiere behalten zu dürfen, die ein gewisses Körpermaß nicht überschritten. Das gerade war ein Muttertier, dieses durfte auf keinen Fall mitgenommen werden und musste immer wieder ausgesetzt werden. Somit waren die Angler verpflichtet, bei einem vermuteten großen Fang an der Rute umsichtig vorzugehen, um das Tier nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Diese Achtung vor der Natur und den Lebewesen an sich sei ihnen wichtig und essentiell für die Sichtweise eines Menschen, der Angelsport betrieb.

Diese Informationen waren vollkommen neu für mich. Vielleicht fehlte mir dieser Bereich der Allgemeinbildung schlichtweg, doch ich fand es gut, dass sich wenn geangelt wurde nicht einfach rücksichtslos und ohne Sinn und Verstand an der Natur bedient wurde.

„Tragen die Fische keine Wunden im Maul davon?“, hakte ich noch beim Angler nach.

„Diese haben eine Art Hornhaut im Maulareal. Wenn ich als Angler vorsichtig den Widerhaken entferne und ruhig mit dem Tier umgehe, dürfte es ohne Wunden vonstatten gehen.“

Ich bedankte mich bei ihm für seine gegebenen Informationen und den kleinen Einblick, den er mir in den Angelsport schenkte. Manchmal ist es sinnvoll, mit den Menschen das Gespräch zu suchen und nachzufragen, waren meine Gedanken, als ich mich wieder schwimmend entfernte. Wie sich mir die Situation rein als Betrachter dargestellt hatte, hätte ich diese nämlich völlig anders eingeschätzt.