Meine Fehlgeburt: Die Reise eines Sternchens, Teil 1

Es war beunruhigend. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich schon seit einiger Zeit. Meine Schwangerschaftssymptome stagnierten seit ein paar Tagen. Ich war schwanger, Ende des dritten Monats und hatte bereits eine süße Tochter, kannte also den Zustand einer Schwangerschaft. Von daher erinnerte ich mich an den letzten Verlauf und wurde stutzig, als die Übelkeit allmählich weniger wurde und meine Brüste weniger spannten. Nun ist das ja so eine Sache mit unangenehmen Gedanken, die aufkommen. Diese Schwangerschaft war eine Wunschschwangerschaft. Der Wunsch nach einem Kind, das leben darf, vielleicht sogar mich überleben. Ich wusste, dass meine süße Tochter irgendwann sterben würde. Ihr Schicksal war mit dem Tag ihrer Geburt besiegelt, da sie mit einem Gendefekt und schweren Herzfehler geboren wurde. Ihre Lebenserwartung betrug laut Statistik drei Wochen, im besten Fall ein Jahr. Diese Schwellen hatte sie schon überschritten, was freute und gleichsam bangte. Das Damoklesschwert ihres Todes schwang unbarmherzig.

Eine erneute Schwangerschaft war scheinbar mutig. So wurde es mir jedenfalls oft von Menschen in meinem Umfeld mitgeteilt. Warum das so sein sollte, konnte ich wohl nachvollziehen, doch keineswegs verstehen. Manches Mal begegnete mir auch Unverständnis, nochmal das Schicksal heraufbeschwören zu wollen. Wie schnell die Menschen doch urteilen, ohne sich wirklich mit einem Sachverhalt und noch weniger mit einem Menschen auseinanderzusetzen. Doch dies ist ein anderes Thema an anderer Stelle.

Auf jeden Fall freute ich mich über die Maßen über diese Schwangerschaft und mein Kind wäre vollkommen willkommen gewesen, sei es nun gesund oder krank geboren worden. Wie das auch schon bei meiner lieben Tochter, meinem späteren Sternchen, der Fall war und immer sein würde. So stand der Termin einer Vorsorgeuntersuchung an. Es war der zweite nach Bestätigung meiner Schwangerschaft. In der ärztlichen Betreuung fühlte ich mich rundum aufgehoben. Es war ein anderes Team als bei meiner ersten Schwangerschaft, doch sie wussten über mein beeinträchtigtes Kind und meiner Sehnsucht nach dieser Schwangerschaft.

Den ganzen Tag über hatte ich bereits ein flaues Gefühl im Magen. In Worte fassen konnte ich dieses Empfinden nicht. Es war wie eine ungute Vorahnung. Als ich den Wagen vor der Klinik parkte, überkam mich eine Welle der Sorge, dass etwas Schlimmes geschehen könnte. Kein schönes Gefühl. Doch ich beruhigte mich gedanklich und schob es beiseite, atmete tief durch und meldete mich an der Rezeption an. Zum Glück war die Wartezeit kurz. Umgeben von all den Schwangeren, die liebevoll ihre dicken Bäuche streichelten, drückt ein ungutes Gefühl noch schwerer. Mein Name wurde aufgerufen. Ich folgte der netten Arzthelferin in einen Untersuchungsraum, der angedunkelt war. Sie bat mich, mich untenrum frei zu machen und mich auf den Gynstuhl zu legen, der Doktor würde gleich kommen. Eigentlich mochte ich diese Vorgehensweise nicht, doch ich wusste, dass wohl viel Notfälle waren und das medizinische Team schlichtweg Zeit sparen wollte. Also gehorchte ich, entkleidete mich untenrum und nahm auf dem Stuhl Platz.

Symbolbild

Es dauerte doch noch eine Weile, bis der vertraute Chefarzt zu mir kam, in Begleitung einer Arzthelferin. Diese drapierte mich, während der freundliche Arzt eine Entschuldigung aussprach, heute wenig Zeit mitzubringen. Er agierte sehr rücksichtsvoll und stets empathisch: ich fühlte mich in seiner medizinischen Betreuung sehr wohl. Dann fragte er mich, ob ich mich gut fühlte und wie meine Schwangerschaft bisher verlief, ob ich Beschwerden hätte. Ich sagte ihm, dass meine Symptome etwas nachgelassen hätten und ich es aus meiner ersten Schwangerschaft anders kannte. Etwas flackerte in seinem Blick auf. Doch er lächelte mich gütig an. „Jede Schwangerschaft ist anders, das muss nichts Schlimmes bedeuten, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Sorgen sind nicht gut für Schwangere.“ Wie einfühlsam er doch war. Ein großartiger Mediziner. „Dann wollen wir mal schauen, wie es Ihrem Liebling geht. In der Schwangerschaftswoche, in der Sie sich jetzt befinden, müsste der Herzschlag zu hören sein.“

Ich atmete tief ein, blickte an die Decke, entspannte mich, so weit es ging. Kurz zuckte ich, als das kühle Gel aufgetragen wurde und der Arzt den Kopf des Ultraschallgeräts ansetzte. Stille. Wie sehr erinnere ich mich an diese Stille, die dann eintrat. Es war ein bedrückender Moment. So, als würde die Zeit stillstehen. Normalerweise sprach er sonst immer aufmunternd oder machte Späße, um die Situation aufzuheitern. Doch er blieb ungewohnt still. Zuerst bemerkte ich den Gesichtsausdruck der Arzthelferin, die wie gebannt auf den Monitor starrte. Als mein Blick ihr begegnete, sah sie schnell zur Seite. War da Mitleid in ihrem Blick, hatte ich das richtig gedeutet? Dies und das Schweigen des Arztes veranlassten mich, meine Aufmerksamkeit dem Monitor zuzuwenden.

Was ich dort sah, passte nicht. Es passte einfach nicht. Ich erinnerte mich an das Ultraschallbild meiner Tochter, als ich in dieser Schwangerschaftswoche war. Sie war mittig in der Gebärmutter platziert, größer, sehr viel größer. Und es war nicht so still. Ein schnelles Pochen war seinerzeit zu hören. Wie eine Melodie der Liebe. Ich konnte kein Pochen vernehmen. Auf dem Bildschirm zeigte sich ein kleines Gebilde in der rechten Ecke der Gebärmutter. Nicht mittig. Es trieb irgendwie, bewegte sich nicht. Leblos, das Kind wirkte leblos. Mein Gott, bitte nicht…

Der sympathische Arzt sprach mich das erste Mal seit Beginn des Ultraschalls an: „Sind Sie sicher bei Ihrer Berechnung des Eisprungs?“ Leise antwortete ich: „Ja, ich bin sicher. Das Kind ist ein Wunschkind, kein Unfall.“ Angespannt runzelte der Arzt die Stirn: „Nun, das Kind müsste in dieser Schwangerschaftswoche größer sein und einen Herzschlag haben.“ Mit einem Kloß im Hals entgegnete ich: „Ich weiß.“ Er wich meinem Blick aus, bot mir diesmal kein Bild des Ultraschalls an. Bedächtig reichte er mir ein Tuch, damit ich mir das Gel entfernen konnte und beendete seine Untersuchung. „Es kann wirklich sein, dass Sie den Zeitpunkt des Eisprungs falsch berechnet haben und erst im darauffolgenden Zyklus schwanger wurden. Sowas passiert, gerade wenn man sich sehr auf ein Kind freut. Dann dürfte jetzt noch kein Herzschlag vorhanden sein, das wäre in Ordnung. Es kann alles gut sein. Wir nehmen Ihnen nun Blut ab, um Ihren HCG-Wert zu bestimmen. Er sollte in einer intakten Schwangerschaft in den ersten Wochen stetig steigen. Das gibt uns Gewissheit. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Ich nickte, antwortete ihm jedoch nicht. Was gab es auch darauf zu antworten? Ich wusste, dass ich meinen Eisprung nicht falsch berechnet hatte. Und ich wusste, dass ich soeben im Ultraschall mein totes Kind sah. Doch ich war dem Arzt für seine Fürsorge und sein umsichtiges Vorgehen sehr dankbar. Das war das einzige Gefühl, dass ich in diesem Moment zuließ. Alle anderen verdrängte ich.

So zog ich mich wieder an und nahm auf einem Stuhl Platz. Der liebe Arzt kam zurück, grüßte mich erneut freundlich, Mitgefühl in seinem Blick. Während er mir Blut abnahm, wiederholte er: “ Es muss nichts Schlimmes bedeuten, machen Sie sich keine Sorgen. Warten wir erst einmal das Blutergebnis ab.“ Wieviel Zeit er sich doch nahm für mich. Die Blutabnahme hätte ebenso eine Arzthelferin erledigen können. Und das trotz des betriebsamen Tages, der wohl heute war. Als mir der Arzt die Manschette entfernte, sagte ich ihm leise: „Herr Doktor, ich habe mich nicht vertan bei meiner Berechnung. Und ich weiß, wie das Ultraschallbild bei meiner Kleinen zu dieser Zeit war.“

Eine lange Weile sah er mich an, dann sprach er gefasst: „Es tut mir sehr leid. Ich hätte mich wirklich für Sie gefreut. Doch sehen Sie es bitte so: Sie haben Zeit verloren, aber nicht das Spiel. Ihnen stehen noch alle Möglichkeiten einer erneuten Schwangerschaft offen.“ Ich nickte. Tränen wollten aufsteigen, doch ich unterdrückte sie. Sie würden erst sehr viel später kommen, auf der Toilette mit den schweren Blutungen, begleitet von Wehen. „Sie müssen nicht leiden. Wir können bald eine Ausschabung machen, dann ist es schnell vorbei und Sie können von vorne beginnen. Oder wollen Sie warten, bis Ihr Körper das Kind abstößt?“ Nachdenklich richtete ich meinen Blick auf sein Namensschild. Wer hätte gedacht, dass ich diese Frage bei meiner zweiten Vorsorgeuntersuchung beantworten muss. „Sie kennen mich doch Herr Doktor. Ich muss den ganzen Weg gehen, auch den durch den Schmerz. Sonst holt es mich später ein.“ Der fähige Arzt stand auf, sah mir lange in die Augen. „Es wird sehr schmerzhaft werden. Die Schwangerschaft war schon weit. Falls es nicht mehr geht, scheuen Sie sich nicht und rufen hier auf der Station an. Doch nun warten wir erstmal die Ergebnisse der Blutuntersuchung ab. Vielleicht führen wir hier unnötige Gespräche.“ Aufmunternd zwinkernd verließ er das Behandlungszimmer.

Leider waren die Gespräche nicht unnötig. Die Testergebnisse zeigten an, dass der HCG-Wert seit der letzten Vorsorgeuntersuchung gesunken war.

Geschrieben von: Julia, Autorin „Gewürzt mit Herz“

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Die singende Begegnung am Grab

 

Ich stehe bei meinem Sternchen am Grab, rede mit ihr, erzähle ihr vom Tag und frage, wie es ihr geht. Weil ihr Geburtstag ist, singe ich ihr das Lied: `Wie schön, dass du geboren bist`. Auf einmal bemerke ich eine Frau, die leicht versetzt in der Reihe hinter mir bei den Urnengräbern steht. Sie lächelt mich an und begrüßt mich schüchtern, bevor sie auf mich zugeht.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht belauschen. Sie haben so schön gesungen. Das ist ungewohnt hier auf dem Friedhof. Ist das Grab von Ihrem Kind?“

„Ja, das ist meine liebe und herzensgute Kleine. Dieses Lied mochte sie besonders gerne. Sie musste leider schon gehen.“

„Das tut mir sehr leid, dass sowas geschehen musste. Wissen Sie, ich bin auch Mutter. Ich kann Sie sehr gut verstehen. Da hinten liegt das Grab meines Mannes. Ich habe ihn besucht, da wir heute unsere Goldene Hochzeit gefeiert hätten. Aber der Krebs, nun ja. Er durfte nicht friedlich gehen und hatte bis zum Schluss starke Schmerzen. Es war schlimm, sage ich Ihnen!“

Eine ganze Weile stehen wir so beieinander. „Wie hieß Ihr Mann, darf ich fragen?“ „Hans.“ „Haben Sie Lust, sollen wir Hans zusammen ein Lied singen? Sie feiern heute doch auch ein Fest zusammen.“ Die Frau wird ganz verlegen. „Meinen Sie? Darf man das denn auf dem Friedhof, gehört sich das so?“

„Ich glaube, der liebe Gott und unsere Verstorbenen haben nichts dagegen, wenn sie uns mit Freude singen hören. Vermutlich ist ihnen das lieber, als unsere Tränen und unser Leid sehen zu müssen.“

Die Frau denkt eine Weile nach. Schließlich meint sie: „`Das Wandern ist des Müllers Lust`. Das liebte er zu singen, als er mit seinen Freunden noch Ausflüge unternehmen konnte. Das würde ihn freuen.“

Und so haben wir Hans das Lied gesungen. „Haben Sie ihn auch gehört beim Singen?“, frage ich die fremde Frau, die mich mit großen Augen ansieht.

„Wissen Sie, sie sind bei uns an unserer Seite, unsere Verstorbenen. Ob die Partner, die Eltern oder unsere Kinder. Alle sind nur in einer anderen Welt.

“Nächstes Mal singe ich wieder!“, lächelt mich die Frau daraufhin an.

Vom Leben und Sterben eines Kindes, Teil 3

Den ganzen Tag über hatte ich ein ungutes Gefühl im Magen, mochte nichts essen, Angst schwirrte unaufhörlich in meinem Kopf herum. Angst, das eigene Kind zu verlieren. Vergangene Nacht hatte ich den Notarzt gerufen, da meine Kleine nur noch flach atmete und ihre Sättigungswerte sehr schlecht waren, begleitet von sehr hohem Fieber (siehe: “Vom Leben und Sterben eines Kindes, Teil 2”). “Ich weiß nicht, ob sie den Transport in das Krankenhaus überlebt”, hatte mir der Notarzt noch gesagt. Es hatte geklappt, nachdem das Ärzteteam vor dem Haus im Krankenwagen 15 Minuten lang brauchte, um sie soweit zu stabilisieren, dass die Fahrt starten konnte.

Ihr Vater war mit ihr im Krankenhaus; ich war zu Hause und versorgte den Kleinen, gerade war er erst vor zwei Wochen geboren. Er trank gut und mein Milchfluss noch nicht voll da, so konnte ich noch keine Vorräte an Muttermilch ansammeln. Somit brauchte er meine Anwesenheit, und ich konnte nicht bei ihr im Krankenhaus sein. Ich führte an diesem Tag Arztgespräche, erst mit dem diensthabenden Arzt, dann mit dem Oberarzt der Kinderintensivstation. Er machte mich darauf aufmerksam, dass sie nicht wüssten, ob die Kleine überleben würde, da ihre Lungentätigkeit weiter abnahm und ihr Fieber nicht sank. Irgendwann sprach dann der Chefarzt mit mir, erklärte mir die Vorgänge von Herzaktivität und Lungenfunktion. Ich hatte fast drei Jahre immer wieder Aufenthalte auf Intensivstationen hinter mir, ich wusste, was diese Dynamik bedeutete.

Einmal klingelte eine Nachbarin. Was denn bei uns los sei, der Krankenwagen sei vergangene Nacht vor unserem Haus gestanden. Ich konnte das Gespräch schnell abwimmeln. Keine Kraft für das gerade. Es klingelte noch ein paar Mal an der Tür, ich machte jedoch nicht mehr auf. Es war mir zu viel, ich brauchte mein bisschen Kraft für mich.

Mein Kleiner gab mir Halt und Trost. Diesen kleinen, warmen Körper zu spüren, in seine Augen zu sehen… Immer mal wieder musste ich weinen. Einfach so, konnte mich nicht beherrschen. Tröstende, wissende Augen schauten mich dann aus diesem jungen Gesicht an. So klein, verstand er vermeintlich schon alles.

Immer wieder führte ich auch Telefonate mit ihrem Vater. Er war müde, verzweifelt, traurig, erschöpft, überfordert vom Entscheidungen fällen, vom Zusehen müssen, was alles an medizinischen Behandlungen an ihr gemacht wurden. “Die Ärzte holen ständig Blut, geben dies und jenes Medikament, fragen immer, was sie im Notfall tun sollen, wie weit sie reanimieren sollen. Unsere Kleine ist nicht mehr aufgewacht. Sie scheint zu schlafen. Ich weiß nicht, ob sie überlebt…” Ich habe ihn in diesem Moment bewundert, wie er all das schaffte, wie er die ganze Zeit an der Seite seiner Tochter stand, seit 24 Stunden durchgehend wach.

Der Anruf

Abends legte ich mich mit meinem Kleinen hin. Er hatte gerade getrunken, ich legte derweil das Handy in Reichweite, falls ein Anruf kommen sollte. Ich hatte es wohl geahnt, der Anruf kam nachts um halb eins. Ihr Vater war am Apparat, unter Tränen brach seine Stimme: “Komm schnell in´s Krankenhaus. Sie sagen, sie wird bald sterben…”

Es ist seltsam, ein solcher Moment. Was geht da in einem vor? Eine merkwürdige Ruhe erfüllte mich. Ich musste auch nicht weinen. Irgendwie agierte ich wie ferngesteuert und rief Verwandtschaft an. Ich pumpte noch schnell Milch ab, damit der Kleine etwas hatte, sollte er später aufwachen. “Beeile dich”, sagte meine Verwandte, “dass du dich noch verabschieden kannst von ihr.” Der Kleine schlief friedlich, als ich mitten in der Nacht das Haus verließ, mich in das Auto setzte und in das Krankenhaus fuhr. Mein Unterbauch schmerzte noch beim Fahren, der Kaiserschnitt lag erst zwei Wochen zurück. Eigenartige Gefühle waren meine Wegbegleiter. Als ich so fuhr, sah ich in Gedanken eine Kerzenflamme, die immer schwächer wurde. Ich spürte, dass sie bald sterben würde. “Schatz, bitte halte durch, Mama ist gleich da”, flüsterte ich ihr in Gedanken zu.

Ich erreichte das Krankenhaus und fand aufgrund der Uhrzeit sofort einen Parkplatz. Etwas hinkend lief ich zum Eingang, die Narbe schmerzte am Bauch beim Gehen. Die Gänge waren menschenleer. Ich erreichte die Intensivstation, ein buntes Schild mit spielenden, lachenden Kindern zeigte auf die Eingangsklingel. Ich klingelte, meldete mich namentlich an, die großen Schwingtüren öffneten sich automatisch. Sofort umgab mich der vertraute Geruch von Krankenstation und Medizin. Eine Schwester saß am Tresen. Ihr Blick sprach Bände. Mitleid… Eine andere Schwester kam auf mich zu, ich kannte sie bereits von früheren Aufenthalten. Sie begleitete mich zur Isolierstation, auf die alle Patienten mit hohem Fieber kamen. Bevor ich das Krankenzimmer betrat, atmete ich einmal tief durch…

Meine Kleine

Das Kinderbett nahm den Raum fast gesamt ein. Um das Bettchen herum standen zig Apparate, Maschinen blinkten und summten, ab und an ein Piepsen. Monitore erleuchteten das fahle Licht. Ihr Vater stand neben dem Bett, eine andere Schwester war an ihr zugange. Es war ein altvertrauter Anblick, der sich mir da bot. Ich kam näher zum Bettchen, begrüßte die Anwesenden. Ihr Vater hatte eine tiefe Traurigkeit im Blick, unendlicher Schmerz zeichnete sich darin ab. Die Krankenschwester versuchte locker zu sein, lächelte mich an. Ihre Augen straften ihre Fröhlichkeit. Mitleid sprach aus ihnen sowie die Gewissheit, was kommen würde. “Ich kann nicht mehr, ich bin seit 24 Stunden wach”, sagte mir ihr Vater. “Lege dich ein wenig hin, ich bin jetzt da.” Die Schwester neben mir kommentierte lachend: “Vorhin war er mal eingenickt, wir mussten ihn dreimal ansprechen, bis er aufwachte.” “Haben Sie schon einmal 24 Stunden durchgehend am Krankenbett ihres sterbenden Kindes gewacht?” fragte ich die Schwester. Ihr Lachen erstarb daraufhin, sie entschuldigte sich. Sie erklärte mir, dass sie der Kleinen gerade ungefähr 10 Medikamente zeitgleich gaben, bei einem zeigte sie starke Nebenwirkungen, das mussten sie absetzen, da ihre Hände blau anliefen. Ich sah hinab auf die Hände meiner Kleinen: Eine Hand war fast schwarz, die andere blau. “Wieviel musstest du erleiden mein Schatz”, dachte ich mir. Stattdessen fragte ich die Schwester: “Geht das wieder weg an ihren Händen?” “Ja, das geht wieder weg”, meinte sie daraufhin. Wir wussten in diesem Moment beide, dass das keine Rolle mehr spielte. Ich bat die Schwester, ob sie mich mit meiner Kleinen alleine lassen könnte. Sie bejahte und verließ daraufhin den Raum. Ich war mit ihr alleine. Ihr Vater lag ein wenig entfernt auf einer Pritsche, er war sofort eingeschlafen vor lauter Erschöpfung.

Gedankenversunken schaute ich auf meine Süße herab. Ihre Haut war nicht mehr grau, sondern erstaunlicherweise ganz rosig. Zig Kabel liefen zu und von ihrem kleinen Körper weg, ein Tubus steckte in einem ihrer Nasenlöcher. Sie atmetet bereits nicht mehr selbstständig, eine Maschine erledigte dies stattdessen. “Hätte ich nur keinen Notarzt mehr gerufen”, dachte ich mir, als ich sie so sah, mit ihren dunklen Händen, den blauen Flecken vom Blut abnehmen, all die Schläuche. Ich beugte mich zu ihr herunter, legte meine Wange an ihre Stirn. Die einzige Stelle in ihrem hübschen Gesicht, die noch frei lag. “Schatz, du musst jetzt kämpfen. Wir lieben dich so sehr. Dein kleiner Bruder wartet daheim auf dich.” Nach einer kurzen Pause sprach ich weiter: “Wenn es nicht mehr geht, wenn du nicht mehr kannst, dann ist es in Ordnung Schatz, dann darfst du gehen.”

Ihre schwarze Hand mit den blaurot unterlaufenen Fingernägeln lag in meiner Hand, ich lauschte dem mechanischen Brummen der Beatmungsmaschine, roch sie noch einmal, wobei ihr eigentlicher ureigener Geruch bereits verflogen war. Auf einmal zuckte ihr linkes Bein. Ich richtete mich auf. Ihr Brustkorb zog sich daraufhin unnatürlich stark nach innen ein, zuckte zweimal. Ich blickte auf den Monitor, der ihre Vitalwerte anzeigte. Der Wert des Pulses begann sich auf einmal in steten Schritten zu senken: 125, 118, 108, 102…

Das Sterben

Ich rief zu ihrem Vater: “Wach bitte schnell auf… Sie stirbt…” . Sofort war er hellwach und eilte an das Krankenbett. Ich sah auf sie hinab und meinte zu sehen, wie ihr Gesicht leblos wurde. “Deine Seele geht gerade”, dachte ich mir. 88, 82, 78… Der Monitor, der die Vitalfunktionen aufzeichnete, fing in diesem Moment an, gelben Alarm zu schlagen. 74, 68, 62… Der Alarm verschärfte sich um eine Stufe nach oben, roter Alarm. 58, 52, 48… “Komm gut im Himmel an”, sagte ich zu ihr… Ihr Vater nahm meine Hand, wir sahen uns in die Augen, teilten den Schmerz des Moments…

Zwei Schwestern und eine Ärztin betraten auf einmal hastig den Raum. Die Ärztin sagte: “Es tut mir leid, ihr Kind stirbt gerade. Wollen sie es in den Arm nehmen?” Auf einmal kamen mir die Tränen, ich nickte. Eine Schwester schaltete den Monitor ab, der Wert des Pulses stand mittlerweile bei null. Als sie damals zwei Wochen alt war, hatte ich das schon einmal erlebt, diese Monitoranzeige bei null. Da hatte sie einen Herzinfarkt gehabt, konnte jedoch reanimiert werden und fing sich wieder…

Eilig entfernte die andere Schwester alle Schläuche und legte mir die Kleine in meine Arme. Ihr Vater wollte mir den Vortritt lassen. “Es tut mir so leid. Sie war ein so liebes Kind”, meinte noch die Ärztin, der wir schon bei früheren Aufenthalten begegnet waren. “Notieren Sie Todeszeitpunkt 4.35 Uhr”, hörte ich sie noch ihren Kollegen zurufen.

“Gehen Sie jetzt bitte”, brachte ich noch hervor. So lag meine wunderschöne Kleine in meinen Armen. Vielmehr ihr Körper, denn ihre Seele war schon entflogen. Absurderweise hob und sank sich ihr Brustkorb noch immer, die Schwestern hatten vergessen, die Beatmungsmaschine abzustellen. Es störte mich, dieses Heben und Senken. Eine Schwester kam erneut, stellte daraufhin die Maschine ab und schnitt den Schlauch zum Intubieren durch, dessen Gewicht ihr Gesicht auf die rechte Seite zog. Ich blickte in ihr Antlitz, sah, wie ihre Hautfarbe immer weißer wurde, genauso wie ihr Zahnfleisch und ihre Zunge. Ihr Lippen verfärbten sich langsam bläulich. Nach und nach erkaltete sie. Ich wollte ihr so gerne von meiner Körperwärme abgeben…

Nach einer Weile gab ich sie ihrem Vater. Ich hatte sie ungefähr eine Stunde gehalten, ihre Arme waren mittlerweile steif geworden. Auf meinen Pullover war Flüssigkeit gelaufen, die aus ihrer Bauchsonde austrat. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, sie blickte bereits von oben auf uns herab. Irgendwann kam wieder eine Schwester und fragte, ob wir dabei sein möchten, wenn sie sie waschen und anziehen, um sie vorzubereiten für die Leichenschau. Ihr Vater blieb an ihrer Seite und half beim Waschen, während ich das Krankenzimmer verließ. Ich musste zurück nach Hause, die Verwandten hatten angerufen, der Kleine sei aufgewacht und hatte schon den Vorrat leergetrunken.

Das Danach

Ich lief den Flur entlang, vorbei an den Stationsräumen, sah die besorgten Eltern an den Bettchen ihrer Liebsten wachen. Vorbei an dem Empfangstresen, die Schwester zu mir: “Fahren Sie bitte vorsichtig.” Schlenderte durch den langen Flur, der hinweg von der Intensivstation führte bis hin zu einem offenen Bereich. Noch waren die Flure leer, bald würde der alltägliche Trubel einsetzen. Wie war ich diese Krankenhäuser leid. Und doch hatten wir sie gebraucht; ohne ärztliche Behandlung wäre die Kleine spätestens nach der Geburt verstorben, wäre sie überhaupt lebend auf die Welt gekommen. Ich verließ das Krankenhaus und holte vor dem Eingang ein paar Mal tief Luft. Diese schlechte und stickige Luft in den Krankenhäusern hatte ich immer gehasst. Am Auto angekommen, stieg ich ein und saß erst einmal nur da. Eine Kehrmaschine reinigte derweil den Gehsteig, gerade wurden der angrenzenden Apotheke Waren geliefert. Ein Taxi hielt und ließ eine ältere Person aussteigen. Der Verkehr auf den Straßen nahm an Fahrt auf, bald würde der Berufsverkehr richtig anrollen. Irgendwie fühlte sich all das surreal an. Gerade endete ein junges Leben, doch die Welt erlaubte sich einfach weiter zu machen, als sei nichts gewesen. Ich schrieb noch eine Nachricht an einen lieben Menschen, schrieb, dass meine Kleine gerade verstorben war. Komisch, diese Worte zu schreiben…

Dann startete ich den Motor, bog in die belebte Straße ein und machte mich auf den Heimweg. Komisch, ihren Körper dort in diesem Gebäude liegen zu wissen, nicht hier bei mir, auf dem Heimweg…

Irgendwie agierte ich wie ferngesteuert. An die Heimfahrt kann ich mich ansonsten nicht erinnern, der Körper fuhr wohl Automatismen ab. Daheim angekommen öffneten mir die Verwandten die Haustür. Sie nahmen mich in den Arm, ein kurzes Gespräch. Der Kleine sei wieder eingeschlafen. Ich bat daraufhin meine Verwandten, mich alleine zu lassen. Sie waren verständnisvoll und gingen. Zunächst lief ich die Treppe in den ersten Stock hinauf und schaute vorsichtig durch den Türspalt des Kinderzimmers. Der Kleine schlief tief und fest. Daraufhin ging ich in das Bad, zog mich aus, duschte. Als ich mich abtrocknete, erreichte mich die Nachricht des lieben Menschen, dem ich zuvor geschrieben hatte. Ich begann zu weinen, nahm die Wäsche vom Boden, zögerte jedoch einen Moment, bevor ich diese in die Waschmaschine tat. Ihre Körpersäfte waren darauf, irgendwie fühlte es sich so endgültig an, diese zu waschen, die Spuren von ihr zu löschen.

Dann ging ich in die Küche und setzte mich an den Küchentisch. Dort lag die Tageszeitung. Mir fiel auf, dass ihr Todestag eine Schnapszahl war. “Du musst etwas essen und trinken”, sagte ich zu mir selbst. Keinerlei Appetit begleitete mich, mein Mund war seltsam trocken. Doch ich war gezwungen zu essen, ansonsten würde mir die Milch wegbleiben, da ich voll stillte. Meinem Kleinen zuliebe aß ich ein paar Cornflakes, ein Brot hätte ich nicht schlucken können. Beinahe hätte ich mich daraufhin übergeben, doch ich konnte mich soweit konzentrieren und sammeln, dass ich den Impuls unterbinden konnte. Ich ging wieder nach oben, zu meinem Schlafzimmer und setzte mich auf das Bett. Vor mir stand ihr Kinderbett, mit ihrem Lieblingskuscheltier und ihrer Lieblingsdecke. Auf der linken Seite im Regal bewahrte ich ihre Pflegeartikel auf. Alles war griffbereit: die frische Kleidung, ihre Windeln, die Cremes. Der Hausmonitor, der zu Hause ihre Vitalwerte aufzeichnete, hing treu am Regal und wartete darauf, angestellt zu werden. Ich hatte das Gefühl, gleich kommt jemand mit ihr auf dem Arm in das Zimmer und gibt sie mir wieder, um dass ich mich um sie kümmern kann. Ansonsten war mein Kopf leer, ließ mich auf das Kinderbett starren.

Nach einer Weile ließ ich mich nach hinten fallen, zog meine Beine an und schloss die Augen. Kurz musste ich eingedöst sein, da hörte ich auch schon meinen Kleinen nach mir rufen. Sofort war ich wach und ging zu ihm in sein Kinderzimmer, nahm ihn auf meine Arme, setzte mich und legte ihn an meine Brust an. Er trank eifrig und kraftvoll, zufrieden seine wachen Augen. Während ich ihn stillte, liefen mir die Tränen über meine Wangen. Als er fertig war, setzte ich ihn vor mich auf meine Beine und bemerkte, dass er mich fragend ansah.

Ich sagte zu ihm: “Mein Schatz, Mama ist sehr traurig, aber nicht wegen dir. Du bist so ein liebes Kind. Vergangene Nacht, als du geschlafen hast, ist deine liebe Schwester von uns gegangen. Sie ist jetzt im Himmel. Schau, da oben…” und zeigte Richtung Zimmerdecke.

Wann ist Leben lebenswert? Auf Leben und Tod

Ich sitze im Café der Spezialklinik und warte.

Warte auf den Anruf der Chefärztin, die gerade mit ihren Kollegen meine Kleine operiert. Nur der Chefanästhesist hatte sich bereit erklärt, die Operation zu begleiten, geschuldet seiner langjährigen Berufserfahrung, kein anderer Arzt sonst.

Angst.

Angst, ein Kind könnte unter den Händen wegsterben. Ich mache ihnen keinen Vorwurf und kann ihre Gedankengänge nachvollziehen. Was mache ich nur, wenn dieser Chefarzt in Rente geht?

Warten – stundenlanges Warten.

Warten, während dein Kind gerade am offenen Brustkorb operiert wird. Die Chancen 50/50 stehend laut Ärzten, dass sie überleben wird.

Wisst ihr, was alles nichtig wird in einem solchen Moment? Wie lächerlich manche Momente eines Lebens in diesem Moment wirken können?

Demut.

Ich schmecke weder den Kaffee noch die Butterbrezel vor mir. „Essen Sie etwas, vergessen Sie sich nicht“, hatten die Ärzte gesagt, „Sie werden die Kraft noch brauchen.“

Wie soll ich etwas essen können, wenn ich jederzeit einen Anruf bekommen könnte, mein Kind hat es nicht geschafft?

Ihr Gendefekt ist sehr selten und relativ unbekannt und leider kaum erforscht. Die Ärzte kennen bisher nicht den Weg für dieses Krankheitsbild. Zum Glück kann ich sie fühlen und trage sie in meinem Herzen.

Ob sie die OP dokumentieren dürfen, um Erfahrungswerte zu sammeln, wurde ich gefragt. „Versuchskaninchen und Testobjekt für die Forschung.“, kommt es mir zynisch in den Sinn.

„Diese Krankheitsbilder können nicht ausreichend erforscht werden, da 9 von 10 Frauen bei der Diagnose Gendefekt und behindert abtreiben.“, so die Aussage eines jungen, ambitionierten Arztes.

In die Dokumentation der OP willigte ich schließlich ein. Warum ich einwilligte? Weil die Erkenntnisse dieser OP vielleicht einmal einem anderen Kind helfen werden, um dass es leben darf.

Stunde um Stunde zieht sich das Warten hin.

Auf einmal spüre ich meine Kleine wieder, innerlich im Herzen, so als wäre sie gerade aufgewacht.

Sie hat es überstanden, Gott sei Dank, denke ich mir erleichtert. Wobei erleichtert ein zu lapidares Wort ist für dieses Gefühl. Eine halbe Stunde später die Bestätigung durch die Chefärztin:

„Die OP verlief gut und sie ist wohlauf. Wenn alles gut abheilt, wird sie in drei Tagen keine Atemunterstütztung mehr brauchen.“ Sie kann dann alleine atmen, ohne Hilfe von Geräten und mit einer enormen Verbesserung der Lebensqualität.

Das war mein Antrieb für die Einwilligung zu einer OP, in der mein Kind nur 50% Überlebenschancen hat.

Ich stehe auf und gehe zum Ausgang. Eine verschleierte Frau betritt das Café, auf dem Arm ein Kind, welches um den Kopf einen großen Verband trägt. Die Augen der Frau sind voller Sorge. Ich kann sie gut verstehen und denke mir, dass Elternliebe universal ist, unabhängig jeglicher Herkunft oder Nationalität.

Wollen wir nicht alle das beste für unsere Kinder?

Zig Flure durchquere ich und passiere eine Vielzahl von Menschen. Jeder trägt hier sein Kreuz und leidet im Stillen. Diese Atmosphäre auf den Fluren einer Intensivstation…

„Die wirklich Kranken hörst du nicht jammern, sie tragen ihr Schicksal in der Stille.“, denke ich mir.

Im Aufenthaltsraum sitzen zwei Teenies mit einem Mundschutz tragend. Sie stehen lachend auf und biegen in die Onkologie-Abteilung ab.

Ihr Mundschutzverweigerer, unterhaltet euch doch mal mit diesen Mädchen, die ihr Leben lang einen Mundschutz aufgrund ihrer nicht intakten Immunabwehr tragen müssen.

Ich komme im Zimmer an, in dem meine Kleine mit einem anderen Mädchen zusammen liegt und setze mich an die Seite ihres Krankenbettes, nehme ihre Hand und warte geduldig auf ihr Aufwachen. Jetzt kann es nur besser werden, flüstere ich ihr zu und dass ich sehr stolz auf sie bin.

Wenn ich sie umarmen will, soll ich einen Mundschutz tragen, zur Sicherheit. „Eine solch schwere OP schwächt das Immunsystem ungemein.“, so die Ärzte.

Ich schaue zu dem anderen Mädchen im Zimmer, welches von zig Maschinen umgeben und an einer Vielzahl von Schläuchen angeschlossen ist.

Ein wenig hatte ich vernommen, dass das Mädchen im Koma liegt und sein Gehirn abgestorben ist. Maschinen erhalten bei ihr das Leben, kontrollieren Atmung, Nahrung und Körpertemperatur. Sie ist dadurch ein Intensivstpflegefall.

Wann ist Leben lebenswert?

Eine ethische Frage….

Eine grausame Frage…

Für Diejenigen, die vor die Entscheidung gestellt werden, Maschinen anzulassen oder abzustellen.

Das Mädchen schaut unentwegt zur Decke. Sie wird ausschließlich fremdbewegt und günstig gelagert wegen ihren Wunden. Zudem wird der Schleim regelmäßig abgesaugt.

Hätte es das Mädchen so gewollt?

Oder hätte es lieber sterben wollen?

Ich wurde auch gefragt, falls eine lebensbedrohliche Situation eintritt, wie weit sollen die Ärzte die lebenserhaltenden Maßnahmen fortführen?

Welche Entscheidungen wir im Laufe unseres Lebens treffen müssen – Ich möchte einfach mal wieder nur entscheiden müssen, was ich zu Mittag essen darf.

Die moderne Medizin ist Fluch und Segen. Ohne sie wäre meine Kleine nicht lebend zur Welt gekommen…

„Unter den Kranken ist meine Kleine noch fit“, sagen die Ärzte.

Welch Erkenntnis einer furchtbaren Superlative…

Da sehe ich die Mutter des anderen Kindes sitzen, ganz versteckt hinter dem Krankenbett. Gestern wurde sie in die Pflege eingewiesen, denn sie möchte ihre Kleine mit nach Hause nehmen.

„Respekt und Achtung für diese Entscheidung“, denke ich mir.

Ich gehe zu ihr hin, irgendwie ist es mir ein Bedürfnis. Herzlich begrüße ich sie, als sie sich gerade unauffällig einige stille Tränen aus den Augen wischt. „Ihre Kleine ist wunderschön, so tolle dunkle Haare.“, sage ich ihr liebevoll und ernst gemeint. Ich meinte es so, sie war ein süßes Mädchen, zumindest das was ich von ihr hinter den Schläuchen erkennen konnte.

„Danke sehr, das sagen nicht mehr viele, seit sie hier ist. Wie geht es ihrer Kleinen, sie hatte doch heute OP, oder?“

„Zum Glück verlief alles so wie geplant laut Ärzten. Nachher erfahre ich mehr.“

„Seien Sie froh, Sie können nichts dafür, dass Ihr Mädchen dort liegen muss!“, sagt sie völlig unvermittelt.

„Wie meinen sie das?“

„Sie sagten doch, sie hat einen angeborenen Gendefekt. Unsere Kleine wurde gesund geboren. Sie war gerade am Laufen lernen. Mein Mann, jetzt Ex-Mann, konnte sie nicht beruhigen. Sie hat immer so viel geweint. Nur bei mir hat sie damit aufgehört. Ich hätte die beiden niemals alleine lassen sollen. Mein Ex schüttelte sie dann. Dadurch fiel sie ins Koma, weil ihr Gehirn starb.“

Oh Gott, da war sie wieder, diese grausame Sperlative.

Ich war sprachlos. Wie musste sie sich fühlen? Von Schuldgefühlen zerfressen, sich selbst die schlimmsten Vorwürfe machend?

Was sagt man einem Menschen in einer solchen Situation? Wirkt nicht jedes Wort hohl?

Ich streichle ihren Arm auf und ab, rein intuitiv und ohne lange nachzudenken. Eine ganze Weile stehen wir stumm beieinander, umgeben von Maschinen, die ständig Alarme abgeben, unsere Kinder von Herzen liebend.

„Wissen Sie, sie kriegt noch viel mit. Man kann es kaum glauben, aber auf ihre eigene Art und Weise spricht sie mit mir. Sie ist da. Ich spüre sie. Wie soll ich da den Ärzten sagen, stellt die Maschinen ab?“

Wann ist Leben lebenswert?

Ich vermag diese Frage nicht zu beantworten – vermögt ihr es?

„Sie schaffen das. Bitte glauben Sie an sich.“

„Haben Sie keine Angst etwas falsch zu machen und verantwortlich für ein Unglück sein zu können? Sie legen ihr die Sonde alleine,wie schaffen Sie das?“

Mir steigen Tränen in den Augen.

„Wie ich das schaffe? Wie es wohl alle Eltern schaffen, die ihre kranken Kinder pflegen: Ich will sie bewahren vor noch mehr Leid. Wenn die Ärzte die Sonde legen, bekommt sie immer Nasenbluten. Bei mir bekommt sie das nicht. Aber glauben Sie mir, es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn sie dabei weint.“

Nun streichelt sie mir den Arm. Ein wortloses Verstehen zweier Mütter vereint im selben Schicksal. Ich schaue sie an und äußere:

„Sie können es. Die Kraft dafür liegt tief in Ihnen, in Ihrem Herzen. Vertrauen Sie auf Ihren Mutterinstinkt und Ihre mütterliche Intuition. Kein Arzt vermag dies zu ersetzen. Lassen Sie sich dies niemals absprechen. Ihr Kind braucht diesen Instinkt. Er kann ausschlaggebend sein über Leben und Tod.“

„Danke…“, kaum hörbar geflüstert, war ihre Antwort.

Die Chefärztin betritt auf einmal den Raum. Ich atme tief ein und aus und versuche meinen Herzschlag zu beruhigen. Hoffentlich waren die Strapazen dieser OP für meine Kleine nicht umsonst, denke ich mir, während ich die Ärztin begrüße.

Symbolbild

Der Todestag meines Sternchens – ein schrecklich schöner Tag…

Und so schrieb ich einem guten Freund, der mich nach meinem Befinden fragte:

Wie schön und einfühlsam Deine Worte sind.
Es geht mir gut, sei unbesorgt. Ich vollbringe mein geliebtes Tagwerk und meine wundervolle Arbeit. Mein kleiner Schatz schenkt mir Tag für Tag sein Lachen.
Erinnerungen kommen hoch an einen geliebten Menschen, diese sind weder gut noch schlecht. Mir ist es möglich, diese herauslassen zu können durch mein Schreiben.
Dieses war mir von Anfang an ein gutes Ventil und es schafft meinem Sternchen ein bleibendes Denkmal ihres Seins auf Erden.
Neulich wurde ihr Grab bestellt.
Den Grabstein entwarf ich selbst.
Er wurde wunderschön und sehr individuell, wie ich finde. In diesem lebt sie weiter…
Ein würdiges Grab für ein würdiges Kind.

Ich möchte keinen meiner Freunde in dieser Zeit ihres Todestages zur Seite stellen… Nein.
Meine Freunde sind ein wichtiger Teil meines Lebens und darum bin ich froh und darüber freue ich mich.
Nein – Du musst nicht gehen. Bleibe bitte, Du störst nicht.

Wenn es einmal passt, werde ich mit Dir zum Grab meiner Tochter gehen, sie Dir vorstellen.
An ihrem Grab sollen die Menschen nicht weinen, das hätte sie nicht gewollt.
Es ist ein fröhlicher Grabstein – Ein lachender Engel sitzt darauf und lacht den Besucher freudig an.
Auf einem Füßchen des Engels sitzt ein Schmetterling. Diesen wählte ich für mein zweites Sternchen.
Ein Kind, mit dem ich nach ihr schwanger war, bevor mein Junge kam – Ich erlitt eine Fehlgeburt.
Damals war ich damit überfordert und ließ es in einem Massengrab bestatten, ein Fehler.
Deswegen nahm ich nun diesen Anlass wahr und setzte auch diesem Kind ein Denkmal – deswegen der kleine Schmetterling.
Neben dem Engel ist ein Herz aus Glas platziert…
Auf dem Grabstein eine Sonnenblume…
Denn sie strahlte immer und schenkte Wärme durch ihr Lachen…

So entwarf ich diesen Grabstein, der sie repräsentiert. Eine Steinmetzin und ein Glaskünstler setzten meine Ideen um.
Die Menschen sollen davor stehen und lachen, das hätte sie gewollt, darüber hätte sie sich gefreut.

Es ist eine leichte und friedvolle Grabstätte, wie sie zu Lebzeiten nun einmal war.
Und das andere Sternchen mit dabei…
Da ich das Geschlecht des Kindes nicht wusste, taufte ich es in Gedanken Joy – Freude.
So können die beiden gemeinsam im Himmel spielen, was ihnen zu Lebzeiten nicht möglich war.

Gerne finde ich mich in Deine Umarmung des Trostes ein.
Halte mich gerne ein Weilchen…

Danke, dass Du mir zur Seite stehst und da bist.
Bleibe, Du gehörst doch dazu – zu meinem Leben.

In liebevollem Gedenken…