Kirchenbesuch mit Kleinkind

Vage erinnere ich mich an meine Kindheit zurück: Kleine Kinder waren in der Kirche kaum anwesend und schienen eher toleriert als willkommen. Spätestens wenn ein solches Kind zu weinen begann und die Predigt des Pfarrers störte, war die Toleranz am Bröckeln. Vor dem geistigen Auge sehe ich eilends heraushuschende Eltern, die mit hochrotem Kopf und schreiendem Kind das Kirchengebäude verließen. Auch mir wurde früher gesagt, dass die Kirche ein Ort der absoluten Stille ist, nichts angefasst werden darf und die Erwachsenen in ihren Tätigkeiten nicht beeinträchtigt werden sollten, schon gar nicht der Herr Pfarrer selbst.

Ich mochte schon als Kind Kirchenbesuche. Meine Eltern waren gläubig, aber nicht bigott. Sie lehrten mich die Schriften der Bibel und brachten mir die Feste im Jahreskreis nahe. Mir durfte das Glück widerfahren, gänzlich schöne Empfindungen mit meinem Glauben zu verbinden und empathischen und weltoffenen Würdenträgern zu begegnen. Mitunter war es jedoch als Kind auch anstrengend, still zu sitzen, keine Fragen stellen zu dürfen und nicht mit irgendetwas aufzufallen. Dieses an sich sehr erwachsene und für Kinder sicherlich herausfordernde Verhalten war bestimmt nicht immer leicht umzusetzen. Doch ich erinnere mich an Pfarrer, die verständnisvoll waren und nicht mit erhobenem Zeigefinger drohten.

So stellte und stellt es für mich eine ganz natürliche und selbstverständliche Angelegenheit dar, meinem Sohn die Kirche als Ort der Ruhe und Einkehr nahe zu bringen. Der Glaube zelebriert sich in erster Linie in vielen kleinen Gesten im Alltag, so finde ich. Die großen Feierlichkeiten gehören als wichtiger und ritueller Bestandteil dazu, doch war ich nie jemand, der nur zu besonderen Anlässen eine Kirche aufsuchte. Ich suche diesen Ort der Erdung und Mystik gerne auf, bei dem sich die Seelen der Jahrhunderte vereinen. Diese ganz besondere Atmosphäre in den alten Gemäuern, die sich mehr erfühlen, denn erklären lässt.

Es war mitten am Tag, als ich mit meinem Kleinen, der im Kinderwagen saß, die Kirche in unserem Ort betrat. Wieder einmal, denn diese Aufenthalte sind mittlerweile zu einem festen Bestandteil in unserem Wochenablauf geworden. Seit meine erstgeborene Tochter schwerstkrank zur Welt kam und mittlerweile ein Sternchen ist, zünde ich regelmäßig eine Kerze für sie in stillem Gedenken an. Ich vollziehe oftmals einen ähnlichen Ablauf, so dass diese Besuche mit meinem Kleinen nahezu rituell geschehen. Wir betreten die Kirche. Meistens sind wir die einzigen Besucher und ohne weitere Gläubige in der Kirche. Dann gehe ich mit meinem Sohn im Kinderwagen die Gänge entlang und drehe eine große Runde, bei der wir gemeinsam die Statuen der Heiligen betrachten, Jesus am Kreuz sehen und das Taufbecken bewundern. Auch kommen wir an zwei alten Kirchenbänken vorbei und am Aufgang zur Orgel. Dabei kommen mir viele Gedanken, die ich währenddessen artikuliere. Wir saugen beide die bedeutungsvolle Atmosphäre auf. Es ist, als würde das Leben einen Zwischenstopp auf seiner Reise einlegen. Es ist möglich, Luft zu holen und sich zu besinnen auf das wirklich Wichtige. So als würde der innere Kompass neu justiert und ausgerichtet für die weitere Reiseroute. Ich denke, dass diese Worte sehr trefflich beschreiben, wie ich generell und gemeinsam mit meinem Kind einen Kirchenbesuch erlebe. Mit der Anwesenheit meines Kleinen kommt noch die Besonderheit hinzu, dass ich ihm meine Ansichten und Sichtweisen nahebringen kann. In diesem Prozess kommen Fragen auf wie:

„Wer hat wohl schon in dieser uralten Kirchenbank gekniet und gebetet?“

„Welche Heiligenfigur findet sich auf dem Taufbecken?“

„Was hat es mit den Beichtstühlen auf sich?“

Ich höre den ein oder anderen Leser gerade laut denken, das seien keine Themen für kleine Kinder. Warum sollen sie das nicht sein? Unsere Kleinen registrieren mehr, als wir annehmen. Sie verstehen auch viel mehr, als wir vermuten. Es ist dieser kluge Ausdruck in den Augen meines Kindes, wenn er mir aufmerksam zuhört und seine Augen konzentriert umherwandern. Er ist in diesen Momenten sehr ausgeglichen und wirkt interessiert und begeistert. Wohl vermag er noch nicht alles in Worte zu fassen, doch verstehe ich seine Fragen dennoch durch seine Gestik und Mimik. Die Wissensvermittlung steht dabei nicht im Vordergrund. Vielmehr möchte ich meinen Jungen an dem Kulturerbe und der Geschichte teilhaben lassen, ihm eine mögliche Option eines Glaubensweges aufzeigen und ihm somit eine Orientierung schenken. Letztendlich wird er als Heranwachsender für sich entscheiden, welchen Glauben er in Bezug auf eine Kirchenzugehörigkeit wählen möchte. Das Anbieten und Vorstellen von Richtungen finde ich essentiell und nahezu ein Muss einer gelungenen Kindererziehung.

Nach der Runde durch den hinteren Teil der Kirche kommen wir vorne vor dem großen Altar an. Meist liegt dort eine Bibel aus, die aufgeschlagen eine Passage offenbart. Ich lese meinem Kind immer vor, für welchen Vers sich der Pfarrer entschieden hat. Dabei werte ich bewusst nicht, sondern lese schlichtweg vor. Kein `So muss das sein`, sondern ein `Es kann so sein`. Und mein Sohn hört zu.

Danach suchen wir den Ständer mit den Opferkerzen auf, der vor der Statue der heiligen Maria angebracht ist. Einen Betrag einwerfend, entzünde ich stets sechs Teelichter: Für das süße Sternenmädchen und für den kleinen Bruder, der zum Glück kerngesund sein darf. Für alle lieben Verstorbenen und für alle lieben Lebenden. Für uns Eltern und Großeltern und für alle Kinder dieser Welt. In dieser Reihenfolge kommentiere ich den immer ähnlichen Ablauf am Kerzenständer.

Mein Junge und ich betrachten im dämmrigen Licht der Kirche das leichte Flackern der Kerzen, bevor ich das Vaterunser anstimme und einen Rosenkranz vor der Heiligenfigur Mutter Gottes spreche. So endet dann auch meist unser regelmäßiger Kirchenbesuch. Mit einem Lächeln im Gesicht verlassen wir gemeinsam das Kirchengebäude. Immer wieder aufs Neue.

Die singende Begegnung am Grab

 

Ich stehe bei meinem Sternchen am Grab, rede mit ihr, erzähle ihr vom Tag und frage, wie es ihr geht. Weil ihr Geburtstag ist, singe ich ihr das Lied: `Wie schön, dass du geboren bist`. Auf einmal bemerke ich eine Frau, die leicht versetzt in der Reihe hinter mir bei den Urnengräbern steht. Sie lächelt mich an und begrüßt mich schüchtern, bevor sie auf mich zugeht.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht belauschen. Sie haben so schön gesungen. Das ist ungewohnt hier auf dem Friedhof. Ist das Grab von Ihrem Kind?“

„Ja, das ist meine liebe und herzensgute Kleine. Dieses Lied mochte sie besonders gerne. Sie musste leider schon gehen.“

„Das tut mir sehr leid, dass sowas geschehen musste. Wissen Sie, ich bin auch Mutter. Ich kann Sie sehr gut verstehen. Da hinten liegt das Grab meines Mannes. Ich habe ihn besucht, da wir heute unsere Goldene Hochzeit gefeiert hätten. Aber der Krebs, nun ja. Er durfte nicht friedlich gehen und hatte bis zum Schluss starke Schmerzen. Es war schlimm, sage ich Ihnen!“

Eine ganze Weile stehen wir so beieinander. „Wie hieß Ihr Mann, darf ich fragen?“ „Hans.“ „Haben Sie Lust, sollen wir Hans zusammen ein Lied singen? Sie feiern heute doch auch ein Fest zusammen.“ Die Frau wird ganz verlegen. „Meinen Sie? Darf man das denn auf dem Friedhof, gehört sich das so?“

„Ich glaube, der liebe Gott und unsere Verstorbenen haben nichts dagegen, wenn sie uns mit Freude singen hören. Vermutlich ist ihnen das lieber, als unsere Tränen und unser Leid sehen zu müssen.“

Die Frau denkt eine Weile nach. Schließlich meint sie: „`Das Wandern ist des Müllers Lust`. Das liebte er zu singen, als er mit seinen Freunden noch Ausflüge unternehmen konnte. Das würde ihn freuen.“

Und so haben wir Hans das Lied gesungen. „Haben Sie ihn auch gehört beim Singen?“, frage ich die fremde Frau, die mich mit großen Augen ansieht.

„Wissen Sie, sie sind bei uns an unserer Seite, unsere Verstorbenen. Ob die Partner, die Eltern oder unsere Kinder. Alle sind nur in einer anderen Welt.

“Nächstes Mal singe ich wieder!“, lächelt mich die Frau daraufhin an.