Mein BDSM-Blogartikel: „Aber bitte mit Seele?! Das Kennenlernen von Sub und Dom“

FSK 18 – Bitte nur Erwachsene lesen, danke.

Immer wieder kann es im Leben zu Situationen der Neu- und Umorientierung kommen. Eine Verbindung, eine Übereinkunft endet aus irgendwelchen Gründen. Ob seelischer Schmerz oder Erleichterung, Trauer oder Freude, die vielfältigsten Emotionen gilt es nach einem solchen Ende zu reflektieren und zu verarbeiten. Hierbei verwende ich für mich gerne die Metapher eines Schrankes, welcher auf einem Dachboden stehend, gefüllt mit allerlei verschieden großen Schachteln. Diese Schachteln repräsentieren Menschen, Ereignisse und Lebensabschnitte in einem Leben, die bereits der Vergangenheit angehören.

Auf der einen Schachtel mag „Meine Schulzeit“ stehen, auf der anderen „Mein erster Freund“. Und auf wieder anderen Schachteln befinden sich die bisher gemachten Erfahrungen im Bereich der Submission. Idealerweise befinden sich auf all den Behältern auch Deckel, denn nur auf diese Weise sind diese Kisten auch verschlossen und als gewesen kategorisiert. Schwieriger könnte es hingegen werden, wenn eine dieser Kisten oder auch mehrere offen in diesem Schrank des Lebens verweilen. Dieser Sachverhalt zeigt auf, dass das Geschehnis wohl bereits passierte, doch scheinbar noch nicht gänzlich verarbeitet und abgelegt wurde unter der Rubrik „Vergangenes“. So reicht der Atem des Inhalts der offenen Schachteln in die Gegenwart und vermag auch die Zukunft zu färben.

Je mehr Schachteln offenstehen, desto mehr kann die Gefahr bestehen, dass sich Unverarbeitetes anhäuft und ein wirkliches Ankommen im Hier und Jetzt verhindert und unnötig Lebensenergie entzieht.

Wiederkehrend beschäftigt sich im Umkehrschluss die eigene Gedankenwelt mit bereits Gewesenem und vernebelt mitunter den Blick auf das Wesentliche oder vereitelt das Wahrnehmen von neuen Chancen.

So kann es durchaus ratsam sein, Gewesenes zu reflektieren, zu verarbeiten, persönliche Schlüsse daraus zu ziehen und dann der Vergangenheit zuzuordnen und damit endgültig abzuschließen. Sprich, den Deckel auf die Schachtel zu lupfen und diese zu schließen. Gerade beim Kennenlernen und in der Begegnung von und mit neuen Menschen empfiehlt sich dies umso mehr, denn Vertrauen zu entwickeln und sich auf jemanden voll und ganz und ohne Wenn und Aber einzulassen, kann oftmals am besten mit einem freien Geist gelingen und ohne die Gespenster der Ex-Partner im Schlepptau.

Von daher stellt es eine große Wichtigkeit dar, sich ausreichend Zeit für ein gegenseitiges Kennenlernen zu nehmen.

Doch wieviel Seelenleben offenbare ich dem anderen?

Wieviel Seele bin ich bereit zu zeigen?

Nun kann es starten, das spannende Wagnis, sich auf einen unbekannten Menschen einzulassen und diesen in die eigene Welt eintreten zu lassen.

Wie schnell oder langsam kann das Annähern geschehen?

Es kann eine Rolle im Prozess des Zugehens spielen, was jeder an Rahmenbedingungen innerhalb dieser Verbindung sehnt.

Doch kommt es wirklich auf den gesuchten Rahmen an?

Wird dabei unterschieden zwischen einer Spielbeziehung, einer Wochenendaffäre oder einer 24/7-Lebensgemeinschaft?

Wir sprechen hier von BDSM, von einem intensiven Heranlassen eines anderen Menschen in eigene, tiefe Empfindungswelt. Auch wenn die sexuelle Komponente bei einem Treffen im Vordergrund stehen sollte und die mentale Ebene dabei weniger gesucht wird. Möchte nicht jeder Beteiligte gesehen werden, wie er ist und was ihn ausmacht?

Möchte nicht jeder BDSM-Praktizierende das Gefühl erleben dürfen, diese Interaktion geschehe mit ihm und nicht über ihn hinweg?

Außerhalb jeder spielerischen Erniedrigung, möchten da Rollen eingenommen und Erwartungen erfüllt werden? Oder möchte sich jeder Mensch in seinem tiefsten Dunkel angesprochen fühlen?

Führt eine vorherige menschliche Begegnung zu einem ungefilterten Genuss?

Toxischer BDSM – Wird er durch einen achtsamen und empathischen Umgang verhindert?

Hier könnte sich die Spreu vom Weizen trennen. Denn ein von Egoismus und Narzissmus getriebener Dom und eine selbstverliebte und egozentrische Sub haben vermutlich kaum Lust, ihre Handlungsweisen zu hinterfragen.

Wenn der Gehorsam von Sub gleichgesetzt mit Schweigen wird. Was lapidar geschrieben scheint, kann für Sub ernsthaften Stress bedeuten und das Selbstwertgefühl empfindlich schmälern. Die Submission sollte bestenfalls alle Akteure fliegen lassen und ein gutes und glückliches Gefühl implizieren. Auf keinen Fall sollte meines Erachtens BDSM wirklichen seelischen Schmerz verursachen, kommunizierte Auslebungsformen ausgenommen.

Die Bereitschaft meines Gegenübers, offen für Fragen zu sein, kann ein Zeichen für die Integrität und Aufrichtigkeit eines Gegenübers nicht nur im Kennenlernprozess sein. Jeder Mensch besitzt sein ureigenes Tempo, sich anzunähern und Vertrauen fassen zu können. Und ohne Vertrauensbildung kann wohl kein erfüllender und beständiger BDSM entstehen. Dieses Tempo sollte bestenfalls mutig und offen kommuniziert werden, denn Sub und Dom steht dies uneingeschränkt zu.

Nun zur Gretchenfrage: Braucht es Seele im Miteinander von Dom und Sub?

Ich würde diese Frage bejahen. Mein Empfinden ist natürlich subjektiv, geformt von Lebenseinsichten und individuellen Erfahrungen. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Meinung, was sein soll.

Ich möchte gerne erläutern, weshalb es für mich Seele in der Begegnung braucht: Nur wenn ich Seele zulasse, kann ich von meinem Gegenpart gesehen werden. Dann kann Interaktion mit mir als Mensch geschehen, bevor die Sub in mir zum Tragen kommt. Jede Begegnung kann ihren Ursprung im gegenseitigen, gleichberechtigten Kennenlernen des anderen Menschen haben, der sich hinter Sub und Dom verbirgt. Wenn dieser Mensch in all seinen Facetten wahrgenommen wird, wenn dieser Mensch angenommen wird und Akzeptanz findet, wenn dieser Mensch sein darf, wie er wirklich ist und leben darf, was ihn vollends glücklich macht, dann können sich Sub und Dom wahrhaftig in voller Kraft entfalten.

Mein persönliches Fazit zur erfüllt gelebten Submission:

Der Weg des Kennenlernens geschieht zuerst über den Menschen, bevor sich Sub und Dom gewidmet wird. Auch wenn die Facetten als eine Einheit scheinen, so sind die wenigsten Beteiligten ausschließlich Sub und Dom. Wir sind alle auch Menschen.

Vielleicht sind wir auch Eltern oder berufstätig, vielleicht haben wir noch anderweitige Verpflichtungen oder verschiedenste Stimmungen in uns, außerhalb der Welt des BDSM. Jeder von uns bringt ein komplexes Zusammenspiel an äußeren und inneren Faktoren mit sich, das uns erst zu dem Menschen werden ließ, der wir in der Gegenwart sind.

Die eigene Sexualität ist nur eine von vielen Facetten, die uns ausmachen.

Ist es nicht wundervoll, in allen Facetten gesehen und gleichsam von unserem Gegenüber angenommen zu werden, egal in welchem Rahmen und wie oft sich begegnet wird?

Oder irre ich mich diesbezüglich? Was meint ihr?

Geschrieben von: Julia, Autorin „Gewürzt mit Herz“

Symbolbild

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