Mein BDSM-Blogartikel: Der Dom – Ernährungs- und Fitnesscoach?

In letzter Zeit begegnen mir in den sozialen Netzwerken vermehrt Beiträge von weiblichen Subs, die über besondere Aufgabenstellungen ihrer Doms erzählen. Dabei bestehen die geschilderten Aufgaben aus Sportübungen und Ernährungsvorgaben, welche die Subs aufgetragen bekommen und bemüht sind, diese zu erfüllen. Oftmals folgten diesen Erzählungen Gewichtsprotokolle, und Sub berichtete von ihren Abnehmerfolgen oder Misserfolgen.

Diese Bewegung, bzw. dieser Trend fiel mir zuvor nicht auf. So wurde ich neugierig und suchte das Gespräch mit den Subs, die über ihre Erfahrungen diesbezüglich sprachen. Mir wurde geschildert, dass diese Aufgabenstellungen fast nie von den Subs ausgehend artikuliert wurden, sondern von den Doms an sie herangetragen wurden. Einige, so sagten sie, freuten sich über die Sichtweise ihres dominanten Gegenübers und nahmen diese zum Anlass, ein besseres Körperbewusstsein zu entwickeln und achtsamer im Umgang mit ihrer Ernährung zu sein. Andere wiederrum fühlten sich durch die Sportaufgaben gekränkt und minderwertig, doch kommunizierten dies nicht offen aus Angst vor Zurückweisung oder dem Gefühl, als nicht ausreichend wahrgenommen zu werden.

Die Aussagen der Subs stimmten mich nachdenklich. So kam ich auf die Idee, meine ganz subjektiven Gedanken zu diesem derzeitigen Phänomen aufzuschreiben. Meine Gedanken sollen nicht werten oder verurteilen, sondern bestenfalls eine Tendenz einfangen und vielleicht ein Denken in Gang setzen, das den Ein oder Anderen bereichern kann. Das würde mich freuen!

Meinem Empfinden nach liegt es in der Natur eines devoten Wesens, gefallen zu wollen. Die Bereitschaft zu Dienen ist tief im Bewusstsein verwurzelt und schenkt Frieden. Dabei kann es zum persönlichen Glück werden, sein dominantes Pendant zufrieden zu stellen. Es kann der devoten Seele Glückseligkeit schenken, den gestellten Aufgaben des Doms zu dessen Zufriedenheit nachzukommen. Gleichsam kann es Dom mental und geistig zutiefst befriedigen, wenn er seine Aufgabenstellungen, die er sich mit Engagement und Einsatz für seine Sub überlegt, ernstgenommen weiß.

Aufgaben können Mittel zur Disziplinierung, Erniedrigung, Erziehung, Belohnung und Strafe sein. Diese zu gestalten und zu stellen und im Umkehrschluss diese anzunehmen und zu bedienen kann in vielen Dom-Sub-Beziehungen einen festen Bestandteil im Miteinander einnehmen. Der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, so lange beide Partien in gegenseitigem Einvernehmen agieren und zum Wohle des anderen. Egozentrik und Egoismus sollten hier selbstverständlich nicht tangiert werden, weder bei Dom noch bei Sub, was selbstredend für alle Bereiche einer BDSM-Vereinigung gelten sollte.

Körpermodifizierung, sei es durch Kleidung, Accessoires, kosmetische Behandlungen, Piercings oder Tattoos, ist vermutlich nichts Neues und kann ein wundervolles Feld von spannenden Möglichkeiten eröffnen. Doch wo verlaufen hierbei die Grenzen? Gibt es überhaupt Grenzen? Oder ist die bedingungslose Hingabe der wahre Kern eines devot veranlagten Menschen? Beinhaltet die Bereitschafft zum Kontrollverlust nicht nur die Übergabe des Körpers in gewissenhafte Hände im Ist-Zustand, sondern auch in angestrebte Zustände?

Ein interessantes Thema, wie ich finde. Zudem stellen sich mir dabei auch Fragen zur seelischen Beschaffenheit aller Beteiligten. Was macht es mit Sub, wenn Dom ihr ein Ernährungskonzept erstellt, um dass sie eine Kleidergröße verliert? Ist es, wie wenn er ihr einen Besuch bei der Kosmetikerin gönnt oder ein aufregendes Dessous?

Gleichsam kamen in mir auch Gedanken auf, welche Intention bei einem Dom mitschwingen könnte, der Sport- und Ernährungsaufgaben konzipiert. Geht es dabei um das Wohl der Sub oder um die Erfüllung eines eigenen optischen Ideals?

Leider konnte ich zum Zeitpunkt meiner Recherche keinen Austausch mit einem dominanten Menschen zu diesem Thema finden, was ich sehr schade fand. Dieses Thema scheint wohl tiefe Gefühlsebenen zu berühren.

Je länger ich darüber nachdenke, ob mein Dom auch mein Fitness- und Ernährungscoach sein kann, wenn er es denn möchte, formt sich in mir folgender Gedanke:

Vielleicht macht es den Ausschlag solcher Aufgabenstellungen, wer von beiden diese in die Wege leitet. Wenn in einem der lange Wunsch nach körperlicher Veränderung gereift ist, es jedoch der Anreize von außen bedarf, um diese umzusetzen, kann es Sub sehr glücklich machen, wenn Dom sich ihrer Wünsche annimmt. Ein enges Begleiten durch tägliche sportive Tätigkeiten und einem Ernährungsplan kann dann mitunter helfen, um die ersehnte Veränderung herbeizuführen.

Ich persönlich fände es grundsätzlich schön zu wissen, dass mich ein Dom in jedem Ist-Zustand annimmt, auch wenn ich gerade mit mir unzufrieden sein sollte. Es kann unglaublich schön sein, wenn dich ein anderer Mensch um deinetwillen bejaht, unabhängig deines Aussehens, deines Gebens oder vermeintlich vorhandener charakterlicher Schwächen. Mit diesem Grundstein eines Miteinanders kann eine wundervolle gemeinsame Reise beginnen, selbstverständlich auch jenseits jeder Sexualität.

In meinem Empfinden könnte es hingegen Schwierigkeiten generieren, wenn Sub sich verändern soll, da sie nicht dem optischen oder charakterlichen Ideal des dominanten Parts entspricht. Sei dies nun in Bezug auf ihre Haarfarbe, ihre Figur oder ihre Eigenarten. Es kann sehr erfüllend und auch lohnenswert sein, an individuellen Mängeln zu arbeiten wie zum Beispiel dem der Ungeduld oder dem der unkontrollierten emotionalen Ausbrüche.

Wobei auch diese vermeintlichen Mängel eine Kehrseite haben wie die zwei Seiten einer Medaille und den Menschen zu dem Individuum werden lassen, das er ist.

Wann nehmen wir einen Menschen an und wann implizieren wir dessen Veränderung?

Ein Gedankengang fühlt sich dabei gut für mich an: Wenn der Mensch diese Veränderung in sich trägt, ob bewusst oder unbewusst und diese zu seinem Wohl geschieht.

Dabei nimmt der dominante Part eine beachtliche Verantwortung auf sich, denn jede Form der Umorientierung verbirgt intensive psychische Prozesse, die um gewissenhafte Begleitung bitten. Dieses Pfand des Vertrauens ist ein großes Geschenk und gleichsam auch eine Bürde und das für alle Involvierten.

Was sich zunächst einfach anhört, kann wohl harte Arbeit bedeuten. Nicht umsonst gibt es die Berufe des Fitnesstrainers und des Ernährungscoachs. So nebenbei ist eine Körpermodifizierung nicht getan und auch nicht mit einer einmalig gestellten Aufgabe erledigt. Dieser Prozess in Bezug auf das Körpergewicht ist komplexer, als vielleicht angenommen werden könnte. Mit „Dann esse doch weniger“ ist den Wenigsten geholfen. Das Einwirken auf die körperliche Betätigung und die Ernährung eines Menschen lösen ganzheitliche Stoffwechselreaktionen hervor, die demjenigen schlimmstenfalls auch schaden können. Und hier wäre für mich eine Grenze erreicht, nicht nur in der Welt des BDSM.

Wie bei allem im Leben gibt es vermutlich nicht den einen Weg, sondern viele Richtungen und Verzweigungen. Mit am Wichtigsten bleibt wohl der Wert der Kommunikation miteinander, um sich innerhalb solcher Dynamiken nicht gegenseitig zu verlieren.

Bitte achtet aufeinander, dann kann vieles möglich werden! Auch der Dom als Fitness- und Ernährungscoach.

                                                   Geschrieben von Julia, Autorin „Gewürzt mit Herz“

4 Gedanken zu “Mein BDSM-Blogartikel: Der Dom – Ernährungs- und Fitnesscoach?

  1. Ich habe das auch häufig gelesen in letzter Zeit. Ich hatte immer das Gefühl, dass diese Vorgaben zur Ernährung und zum Sport treiben aus einer großen Liebe heraus geschehen.
    Es hilft wahrscheinlich einfach besser und gesünder zu leben. Es geht nicht um das Ändern der Figur.
    Schokolade ist ungesund, Chips auch. Etwas sportliche Betätigung gilt als sehr gesund.
    Für mich sind dies Aufgaben, ein Gefühl von Liebe.

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  2. Solche Modifikationen und Aufgaben sind sehr mit Vorsicht zu behandeln. Viel zu leicht kann Schaden, psychisch wie auch phyisch angerichtet werden. Wenn ich etwas in der Richtung mache (auferlege), dann nur auf Iiniative der Sub oder in dem Wissen, dass sie sich etwas in diese Richtung wünscht. Die Grenzen sind natürlich fließend und schwierig zu definieren. Mal die Kleidung ein wenig zu ändern, oder vereinzelt kleine Veränderungen im Stil zu verlangen ist etwas völlig anderes, als Gewichtsabnahme und Fitnessprogramme aufzuerlegen (Besonders, wenn man nciht vom Fach ist und im Grunde keine Ahnung hat, was man tut). Rückmeldungen einholen und generell kommunizieren ist der Schlüssel, um so etwas vorsichtig anzugehen… und in einem angemessenen Rahmen. Nach meiner Erfahrung ufern solche Experimente schnell in Dimensionen aus, die ein(e) Dom(me) überhaupt nicht bewältigen kann (und vermutlich nicht will). Das ganze Leben der sub zu kontrollieren und bestimmen, Kleidung, Ernährung, Körpermodifikationen, Tagesablauf… da sollte die Alarmglocken angehen, wenn man so etwas mitbekommt.
    Liebe Grüße,
    Lyrix

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