Meine Fehlgeburt: Die Reise eines Sternchens, Teil 1

Es war beunruhigend. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich schon seit einiger Zeit. Meine Schwangerschaftssymptome stagnierten seit ein paar Tagen. Ich war schwanger, Ende des dritten Monats und hatte bereits eine süße Tochter, kannte also den Zustand einer Schwangerschaft. Von daher erinnerte ich mich an den letzten Verlauf und wurde stutzig, als die Übelkeit allmählich weniger wurde und meine Brüste weniger spannten. Nun ist das ja so eine Sache mit unangenehmen Gedanken, die aufkommen. Diese Schwangerschaft war eine Wunschschwangerschaft. Der Wunsch nach einem Kind, das leben darf, vielleicht sogar mich überleben. Ich wusste, dass meine süße Tochter irgendwann sterben würde. Ihr Schicksal war mit dem Tag ihrer Geburt besiegelt, da sie mit einem Gendefekt und schweren Herzfehler geboren wurde. Ihre Lebenserwartung betrug laut Statistik drei Wochen, im besten Fall ein Jahr. Diese Schwellen hatte sie schon überschritten, was freute und gleichsam bangte. Das Damoklesschwert ihres Todes schwang unbarmherzig.

Eine erneute Schwangerschaft war scheinbar mutig. So wurde es mir jedenfalls oft von Menschen in meinem Umfeld mitgeteilt. Warum das so sein sollte, konnte ich wohl nachvollziehen, doch keineswegs verstehen. Manches Mal begegnete mir auch Unverständnis, nochmal das Schicksal heraufbeschwören zu wollen. Wie schnell die Menschen doch urteilen, ohne sich wirklich mit einem Sachverhalt und noch weniger mit einem Menschen auseinanderzusetzen. Doch dies ist ein anderes Thema an anderer Stelle.

Auf jeden Fall freute ich mich über die Maßen über diese Schwangerschaft und mein Kind wäre vollkommen willkommen gewesen, sei es nun gesund oder krank geboren worden. Wie das auch schon bei meiner lieben Tochter, meinem späteren Sternchen, der Fall war und immer sein würde. So stand der Termin einer Vorsorgeuntersuchung an. Es war der zweite nach Bestätigung meiner Schwangerschaft. In der ärztlichen Betreuung fühlte ich mich rundum aufgehoben. Es war ein anderes Team als bei meiner ersten Schwangerschaft, doch sie wussten über mein beeinträchtigtes Kind und meiner Sehnsucht nach dieser Schwangerschaft.

Den ganzen Tag über hatte ich bereits ein flaues Gefühl im Magen. In Worte fassen konnte ich dieses Empfinden nicht. Es war wie eine ungute Vorahnung. Als ich den Wagen vor der Klinik parkte, überkam mich eine Welle der Sorge, dass etwas Schlimmes geschehen könnte. Kein schönes Gefühl. Doch ich beruhigte mich gedanklich und schob es beiseite, atmete tief durch und meldete mich an der Rezeption an. Zum Glück war die Wartezeit kurz. Umgeben von all den Schwangeren, die liebevoll ihre dicken Bäuche streichelten, drückt ein ungutes Gefühl noch schwerer. Mein Name wurde aufgerufen. Ich folgte der netten Arzthelferin in einen Untersuchungsraum, der angedunkelt war. Sie bat mich, mich untenrum frei zu machen und mich auf den Gynstuhl zu legen, der Doktor würde gleich kommen. Eigentlich mochte ich diese Vorgehensweise nicht, doch ich wusste, dass wohl viel Notfälle waren und das medizinische Team schlichtweg Zeit sparen wollte. Also gehorchte ich, entkleidete mich untenrum und nahm auf dem Stuhl Platz.

Symbolbild

Es dauerte doch noch eine Weile, bis der vertraute Chefarzt zu mir kam, in Begleitung einer Arzthelferin. Diese drapierte mich, während der freundliche Arzt eine Entschuldigung aussprach, heute wenig Zeit mitzubringen. Er agierte sehr rücksichtsvoll und stets empathisch: ich fühlte mich in seiner medizinischen Betreuung sehr wohl. Dann fragte er mich, ob ich mich gut fühlte und wie meine Schwangerschaft bisher verlief, ob ich Beschwerden hätte. Ich sagte ihm, dass meine Symptome etwas nachgelassen hätten und ich es aus meiner ersten Schwangerschaft anders kannte. Etwas flackerte in seinem Blick auf. Doch er lächelte mich gütig an. „Jede Schwangerschaft ist anders, das muss nichts Schlimmes bedeuten, machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Sorgen sind nicht gut für Schwangere.“ Wie einfühlsam er doch war. Ein großartiger Mediziner. „Dann wollen wir mal schauen, wie es Ihrem Liebling geht. In der Schwangerschaftswoche, in der Sie sich jetzt befinden, müsste der Herzschlag zu hören sein.“

Ich atmete tief ein, blickte an die Decke, entspannte mich, so weit es ging. Kurz zuckte ich, als das kühle Gel aufgetragen wurde und der Arzt den Kopf des Ultraschallgeräts ansetzte. Stille. Wie sehr erinnere ich mich an diese Stille, die dann eintrat. Es war ein bedrückender Moment. So, als würde die Zeit stillstehen. Normalerweise sprach er sonst immer aufmunternd oder machte Späße, um die Situation aufzuheitern. Doch er blieb ungewohnt still. Zuerst bemerkte ich den Gesichtsausdruck der Arzthelferin, die wie gebannt auf den Monitor starrte. Als mein Blick ihr begegnete, sah sie schnell zur Seite. War da Mitleid in ihrem Blick, hatte ich das richtig gedeutet? Dies und das Schweigen des Arztes veranlassten mich, meine Aufmerksamkeit dem Monitor zuzuwenden.

Was ich dort sah, passte nicht. Es passte einfach nicht. Ich erinnerte mich an das Ultraschallbild meiner Tochter, als ich in dieser Schwangerschaftswoche war. Sie war mittig in der Gebärmutter platziert, größer, sehr viel größer. Und es war nicht so still. Ein schnelles Pochen war seinerzeit zu hören. Wie eine Melodie der Liebe. Ich konnte kein Pochen vernehmen. Auf dem Bildschirm zeigte sich ein kleines Gebilde in der rechten Ecke der Gebärmutter. Nicht mittig. Es trieb irgendwie, bewegte sich nicht. Leblos, das Kind wirkte leblos. Mein Gott, bitte nicht…

Der sympathische Arzt sprach mich das erste Mal seit Beginn des Ultraschalls an: „Sind Sie sicher bei Ihrer Berechnung des Eisprungs?“ Leise antwortete ich: „Ja, ich bin sicher. Das Kind ist ein Wunschkind, kein Unfall.“ Angespannt runzelte der Arzt die Stirn: „Nun, das Kind müsste in dieser Schwangerschaftswoche größer sein und einen Herzschlag haben.“ Mit einem Kloß im Hals entgegnete ich: „Ich weiß.“ Er wich meinem Blick aus, bot mir diesmal kein Bild des Ultraschalls an. Bedächtig reichte er mir ein Tuch, damit ich mir das Gel entfernen konnte und beendete seine Untersuchung. „Es kann wirklich sein, dass Sie den Zeitpunkt des Eisprungs falsch berechnet haben und erst im darauffolgenden Zyklus schwanger wurden. Sowas passiert, gerade wenn man sich sehr auf ein Kind freut. Dann dürfte jetzt noch kein Herzschlag vorhanden sein, das wäre in Ordnung. Es kann alles gut sein. Wir nehmen Ihnen nun Blut ab, um Ihren HCG-Wert zu bestimmen. Er sollte in einer intakten Schwangerschaft in den ersten Wochen stetig steigen. Das gibt uns Gewissheit. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Ich nickte, antwortete ihm jedoch nicht. Was gab es auch darauf zu antworten? Ich wusste, dass ich meinen Eisprung nicht falsch berechnet hatte. Und ich wusste, dass ich soeben im Ultraschall mein totes Kind sah. Doch ich war dem Arzt für seine Fürsorge und sein umsichtiges Vorgehen sehr dankbar. Das war das einzige Gefühl, dass ich in diesem Moment zuließ. Alle anderen verdrängte ich.

So zog ich mich wieder an und nahm auf einem Stuhl Platz. Der liebe Arzt kam zurück, grüßte mich erneut freundlich, Mitgefühl in seinem Blick. Während er mir Blut abnahm, wiederholte er: “ Es muss nichts Schlimmes bedeuten, machen Sie sich keine Sorgen. Warten wir erst einmal das Blutergebnis ab.“ Wieviel Zeit er sich doch nahm für mich. Die Blutabnahme hätte ebenso eine Arzthelferin erledigen können. Und das trotz des betriebsamen Tages, der wohl heute war. Als mir der Arzt die Manschette entfernte, sagte ich ihm leise: „Herr Doktor, ich habe mich nicht vertan bei meiner Berechnung. Und ich weiß, wie das Ultraschallbild bei meiner Kleinen zu dieser Zeit war.“

Eine lange Weile sah er mich an, dann sprach er gefasst: „Es tut mir sehr leid. Ich hätte mich wirklich für Sie gefreut. Doch sehen Sie es bitte so: Sie haben Zeit verloren, aber nicht das Spiel. Ihnen stehen noch alle Möglichkeiten einer erneuten Schwangerschaft offen.“ Ich nickte. Tränen wollten aufsteigen, doch ich unterdrückte sie. Sie würden erst sehr viel später kommen, auf der Toilette mit den schweren Blutungen, begleitet von Wehen. „Sie müssen nicht leiden. Wir können bald eine Ausschabung machen, dann ist es schnell vorbei und Sie können von vorne beginnen. Oder wollen Sie warten, bis Ihr Körper das Kind abstößt?“ Nachdenklich richtete ich meinen Blick auf sein Namensschild. Wer hätte gedacht, dass ich diese Frage bei meiner zweiten Vorsorgeuntersuchung beantworten muss. „Sie kennen mich doch Herr Doktor. Ich muss den ganzen Weg gehen, auch den durch den Schmerz. Sonst holt es mich später ein.“ Der fähige Arzt stand auf, sah mir lange in die Augen. „Es wird sehr schmerzhaft werden. Die Schwangerschaft war schon weit. Falls es nicht mehr geht, scheuen Sie sich nicht und rufen hier auf der Station an. Doch nun warten wir erstmal die Ergebnisse der Blutuntersuchung ab. Vielleicht führen wir hier unnötige Gespräche.“ Aufmunternd zwinkernd verließ er das Behandlungszimmer.

Leider waren die Gespräche nicht unnötig. Die Testergebnisse zeigten an, dass der HCG-Wert seit der letzten Vorsorgeuntersuchung gesunken war.

Geschrieben von: Julia, Autorin „Gewürzt mit Herz“

Symbolbild

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s