Meine Fetisch-Kurzgeschichte: Der Himmel des lieben Marie

FSK 18 – Bitte nur Erwachsene lesen, danke!


„Das ist ja ein Mann! Was ist denn das für ein Spinner?“

Spätestens jetzt waren alle Blicke der Wartenden an dieser Bushaltestelle auf Egon gerichtet. Er spürte, wie sich heiße Röte auf seinen Wangen ausbreitete und ihm der Schweiß ausbrach und den Rücken hinablief. Mitleid vermischte sich mit Verwirrung, Verwirrung wurde zu Ungläubigkeit, Ungläubigkeit mündete in Aggression.

„Was für eine Tunte! Na, braucht die Sissi mal was Richtiges?“ Die vulgäre Unverschämtheit wurde begleitet von einer unmissverständlichen Geste. Der stämmige Mann mittleren Alters fasste sich demonstrativ in den Schritt seiner Stoffhose und grinste Egon höhnisch an. Dabei entblößte er seine gelben Zähne, die sich wohl von jahrelangem Rauchen und mangelnder Pflege verfärbt hatten. Ein widerlicher Kerl! Dennoch genoss er die Zustimmung im Bad der Menschenmenge, die sich allmählich immer dichter um das Geschehen tummelte und missmutiges Gemurmel verlauten ließ.

Der ungehobelte Typ blähte seine beleibte Brust auf, stemmte seine feisten Arme in die Seiten seines dunklen Anzugs und setzte sein gehässiges Spotten ungeniert fort. Sein aufgequollener Finger zeigte direkt auf Egon, als er boshaft spie: „Solche Freaks wie du gehören doch weggesperrt! Wer braucht schon solche Abartigen wie dich!“

Um seinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen, stieß er mit einem seiner ledernen Halbschuhe die blonde Perücke wie einen Fußball mit Schwung von sich fort. Diese war Egon zuvor verrutscht und auf den Boden gefallen, genau vor seine cremefarbenen Pumps. Immer mehr Schaulustige blieben stehen und gesellten sich zu dem ungewöhnlichen Treiben hinzu, das sich an der Bushaltestelle allmählich verdichtete. Die umstehenden Leute grölten immer lauter, gestikulierten wild mit den Armen und blickten auf Egon, als sei er irgendein lästiges Insekt, das es zu verscheuchen galt. Egon war wie gelähmt. Er hatte schon des Öfteren Bekanntschaft mit kaltem Hass und rigider Ausgrenzung machen müssen und wollte aufbegehren und sich gegen den Hetzer und den Mob behaupten, doch es gelang ihm nicht. Alle Kraft war ihm auf einmal entwichen. Wie gejagtes Wild kauerte er in der Mitte der Ansammlung, unfähig, auch nur eine Silbe der Verteidigung zu erwidern und den unmöglichen Denunzianten zur Rede zu stellen.

„Ich brauche ihn!“, ertönte plötzlich eine wohlklingende, weibliche Stimme. Ob denn diese nicht schreiend ertönte, ließen die darin verborgene Autorität und Bestimmtheit die Versammlung augenblicklich verstummen. Neugierig drehten sich die Köpfe der Anwesenden in die Richtung, aus der die liebliche Stimme erklang. Wie durch Zauberhand teilte sich die Formation und bildete ein Mittelgang, durch den eine hochgewachsene, schlanke Frau schritt. Als sie auf ihrem Weg die blonde Frauenperücke passierte, bückte sie sich in einer grazilen Bewegung und hob diese anmutig auf. Ihre rot lackierten und perfekt manikürten Fingernägel strichen in einer zärtlichen Geste durch das Kunsthaar. Versonnen lächelnd blickte sie auf die Haarsträhnen. Wie seiden sie sich anfühlten. Da hob die Frau ihren Blick zu Egon, grinste keck und ging entschlossenen Schrittes auf ihn zu. Ihre grünen Tiefen schimmerten liebevoll, als sie ihm seine Perücke reichte. Egon erwiderte ihren wohlwollenden Blick mit einem dankbaren Lächeln und erhob sich unsicher aus seiner gebeugten schutzsuchenden Haltung, die er im Kreuzfeuer seines Widersachers unbewusst eingenommen hatte.

Die Frau war eine ausgesprochene Schönheit. Sie trug auffällige, mit Nieten besetzte High-Heels, die ihre Körpergröße provozierend hervorhoben. Ihre anthrazitfarbene Netzstrumpfhose und ihr enganliegender, schwarzer Bleistiftrock verliehen ihrer kurvigen Figur einen eleganten Charme und eine einladende Attraktivität. Ihre stille Präsenz wirkte deeskalierend auf die aufgepeitschte Situation und brachte das zuvor aufgebrachte Gemurmel der Leute augenblicklich zum Erliegen. Bewundernde Blicke folgten dem Gang der Frau und begleiteten diesen wie das Klackern ihrer Pfennigabsätze.

Als sie bei dem untersetzten Stimmungsmacher ankam, hob sie eine fein geschwungene Augenbraue und musterte den Mann mit unverhohlener Abscheu. Er war ihr nicht unbekannt. Einmal hatte sie von ihm eine Anfrage für ein spezielles Treffen erhalten, da ihm ihre Dienste von einem Bekannten empfohlen wurden. Sunny, so hieß die eloquente Dame, erinnerte sich, dass ihr die Anfrage und vor allem der Mann, der dahinterstand, spontan unsympathisch war. Ihr Gefühl riet ihr damals, von seinem Gesuch Abstand zu nehmen. Scheinbar hatte sie ihre Intuition nicht getäuscht.

Die Situation wirkte umso einnehmender, da Sunny den ungehobelt auftretenden Mann um Kopflänge überragte und diesen ihre körperliche Überlegenheit betonten Blickes spüren ließ.

„Gibt es hier irgendwelche Probleme?“, fragte sie bestimmt. Zunächst hielt der Fiesling ihrem strengen Blick stand. Er maß abschätzend und mit unverhohlener Gier ihre Erscheinung und tastete ihre weiblichen Attribute länger als notwendig mit forschen Augenblicken ab. Doch dann änderte sich etwas im Ausdruck des Mannes. Er hatte ihre mentale Überlegenheit erkannt.

Sunny sah den fliehenden Ausdruck in den blauen Augen des gedrungenen Mannes und jubelte innerlich. Der Hanswurst war eingeknickt. Jetzt würde sie ihn gänzlich erniedrigen, wie er es zuvor mit ihrem treuen Freund und Kunden Egon getan hatte. Solche Besserwisser benötigten eine Lektion. Im besten Fall würde die Wirkung ihrer Demütigung eine Weile anhalten und den Mobber stillsetzen. Leider würde der Nachhall der seelischen Verletzungen, die er Egon zugefügt hatte, wohl ein Leben lang andauern. Verdammtes Schwein!

Und so setzte Sunny an und holte dabei ihr Handy hervor: „Vielleicht sollte ich auch die Polizei rufen, um diesen Vorfall zur Anzeige zu bringen?“ Nachdem sie sich mit einem prüfenden Blick durch die Runde der Aufmerksamkeit der Sensationsgierigen sicher war, fuhr sie nach einer kunstvoll inszenierten Pause fort: „Warten Sie, sind Sie nicht der Herr Vorsitzende des Gerichts? Das passt ja wunderbar, dann kann Ihre Frau die Strafanzeige für Sie bearbeiten! Das bleibt dann sozusagen in der Familie! Ihre Angetraute arbeitet doch noch im entsprechenden Sekretariat?“

Sunny hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da war der unangenehme Zeitgenosse auch schon aus ihrem Sichtfeld in der Menschenmenge verschwunden, die sich nun ebenso schnell verflüchtigte, wie sie aufgetreten war. Ihre bordeauxfarbenen Lippen verzogen sich zu einem zynischen Grinsen. Dieser Mistkerl hatte eine nette Frau, die sie ab und an in einem gehobenen Friseursalon antraf. Wie sie den Gesprächsfetzen bei diesen Zusammentreffen entnehmen konnte, hatte sich die Ehefrau wohl erst kürzlich einen aufmerksamen Liebhaber genommen. Sie brüstete sich fröhlich damit, wie sie ihrem Ehemann regelmäßig die Hörner aufsetzte.

Nun denn, das Beziehungsleben anderer Leute ging sie nichts an. Sunny war keine indiskrete Frau und schätzte und gab Privatsphäre. Was ihr ihre Kunden erschöpft keuchend und nach Luft ringend in den intimen Momenten ihrer erotischen Arrangements über ihre Partnerinnen erzählten, behielt sie grundsätzlich für sich.

Mit Zornesfalten auf der Stirn schimpfte Sunny noch den Gehenden hinterher: „Schämt euch, nichts unternommen zu haben!“ Dann war sie mit Egon alleine.

Egon, einer ihrer besten Kunden, der im Laufe der vergangenen Monate auch zu ihrem Freund wurde. Wie schön er heute aussah, er hatte sich sehr viel Mühe gegeben. Versonnen betrachtete sie seine Erscheinung. Egon trug ein schwarzes Kleid mit Blümchenmuster, kombiniert mit einer beigefarbenen Strumpfhose und den benannten cremefarbenen Pumps, in welche er gerade wieder schlüpfte. Eine lilafarbene Handtasche und Strassschmuck zierten sein Handgelenk, seine Finger und seine Brust. Die Linien des schicken Kleides zeichneten ein Bild von wohlgeformten, weiblichen Rundungen, die äußerst verführerisch wirkten. Komplettiert wurde das stilvolle Gesamtbild von der blonden Langhaarperücke, die nun wieder Egons Haupt zierte. Die formvollendete Weiblichkeit, gekonnt in Szene gesetzt.

Doch es war die Illusion einer Frau, denn ob denn sich Egon Marie nannte, wenn er diese schönen Kleider trug, war er biologisch gesehen ein Mann. Egon war ein Crossdresser. So werden Menschen bezeichnet, die gerne in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpften und sich dementsprechend kleideten. Sunny vermutete beim Anblick der inszenierten Kurven, dass Egon einen Ganzkörper-Silikonanzug unter der weiblichen Kleidung trug. Diesen oder Vagina-Höschen trug Egon bei ihren Sessions, wenn Sunny ihm eine ganz besondere Behandlung zukommen ließ. An den Silikon-Kleidungsstücken befanden sich Silikonbrüste und Silikonvagina. Der Träger derer konnte sich damit wie in einem realen Frauenkörper fühlen.

Der Weg dorthin war für Egon kein leichter gewesen, das wusste Sunny. In ihren gemeinsam verbrachten Sessions hatte er sich ihr vollkommen anvertraut und sie eingeladen, in die Tiefe seiner Seele einzutauchen. Bevor Egon zu Sunny fand, focht er so manchen inneren Kampf aus. Der bedeutsamste Moment war für Egon, sich seine ureigenen Bedürfnisse einzugestehen und diese aktiv auszuleben. Zunächst geschah das Praktizieren des Crossdressings ausschließlich hinter verschlossenen Türen. Dann rief er Sunny an einem schönen Sonntagmorgen, schlaftrunken und beschwipst, an. Er hatte zig Annoncen durchwühlt, bis er auf Sunny stieß. Ihm gefielen ihre Herzlichkeit und Natürlichkeit, er hatte sofort ein gutes Gefühl bei ihr.

Es vergingen weitere Wochen, bis Egon so viel Mut sammelte, sich bei ihr vorzustellen. Das war auch das erste Mal, dass er sich vor jemanden als Frau kleidete. Der Rahmen war ein geschützter, doch es war dennoch ein bedeutsamer Schritt gewesen.

Zudem war Egon vollkommen überrascht gewesen, dass Sunny nicht ausschließlich auf sexuelle Handlungen konzentriert war. Sie nahm sich Zeit für ihn, mehr als er ihr bezahlte. Hörte ihm zu, nahm aufrichtig Anteil. Zu keiner Zeit fühlte sich ihr Zusammensein als bloße Dienstleistung an. Sunny war Sexarbeiterin mit Leib und Seele, was wohl auch beinhaltete, Menschen zu lieben und sich für sie zu interessieren. Oftmals aßen sie auch zusammen Kuchen, den Egon für sie mitbrachte. Wenn Sunny Zeit fand, backte sie sogar und bezog seinen persönlichen Geschmack dabei mit ein.

So war die Sexarbeiterin zu einer lieben Freundin geworden, mit der er sich nicht nur sexuell, sondern auch menschlich sehr wohlfühlte. Egon vertraute ihr. Und sie war weise und lebenserfahren genug, um dieses Geschenk zu erkennen und wertzuschätzen. Sunny wusste zu gut, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht käuflich waren, so abgehalftert das klingen mochte. Vertrauen war eines dieser Dinge. Es konnte niemals eingefordert werden oder vorausgesetzt. Es wuchs und bemaß sich an den Gedanken und Taten der Involvierten.

Wie schön Sunny heute wieder aussah, ging es Egon durch den Sinn. Und wie mutig sie sich für ihn einsetzte. Selbstloses Handeln wurde ihm sonst nicht zuteil. Um so mehr war er tief berührt von ihrem Auftreten ihm gegenüber. Verlegen richtete sich Egon seine Perücke und blinzelte Sunny mit erröteten Wangen an, die sein gut deckendes Make-up nicht vertuschen konnte. Sunny erwiderte liebevoll sein Lächeln und begann, nach etwas in ihrer Handtasche zu suchen.

Ihr Lächeln wurde spitzbübisch, als sie Egon ihren Lippenstift reichte. „Ziehe dir deine Lippen nach, falls dir danach ist, Marie.“ Ein Hauch von Erotik schwang mit, als sich Sunny an seine Schultern lehnte und unauffällig ihre Hand über seinen Rücken bis hin zu seinen Pobacken gleiten ließ. Flüsternd hauchte sie: „Wenn du mich bei unserem nächsten Treffen fickst, wird es Voraussetzung sein, dass du ihn trägst. Ich küsse gerne deine geschminkten Lippen, während dein harter Speer mein weiches Fotzenfleisch teilt!“

Ihre warmen Lippen legten sich auf seinen Mund und verlangten ihm einen schnellen, fordernden Kuss ab. Augenblicklich schoss ihm das Blut mit aller Kraft in seine Lenden. Sein Glied wurde hart. Noch während sich sein Hodensack beinahe schmerzhaft vor Verlangen nach oben zog, wandte sich Sunny keck winkend ab und ging mit schwingenden Hüften davon.

„Was für eine Frau!“, stöhnte Egon innerlich wie äußerlich auf. Bald fand ihr nächstes Treffen statt. Er konnte es kaum erwarten. Sunny verstand ihn und konnte seine verborgenen Sehnsüchte stillen wie keine andere. Er wollte sie nie wieder missen.

Seine Erektion drängte sich gegen das Latex-Catsuit und erinnerte Egon daran, dass er gerade als Marie unterwegs war. Dem ungläubig dreinblickenden Alten, der tadelnd seinen Kopf schüttelte, warf Egon selbstbewusst eine Kusshand zu. Er begehrte keine Männer, doch wollte er den Moralisten auf die Schippe nehmen. Das schnelle Wegdrehen konnte den überraschten Blick des Urteilenden nicht verbergen, welches Egon ungekannte Befriedigung verlieh. „Ich lebe nicht, um eure Erwartungen zu erfüllen, Idiot!“, wisperte Egon kaum hörbar, doch laut genug, um dass es gehört werden konnte.

Da traf der Bus ein. Grinsend stöckelnd stieg Egon ein, nicht scherend der vielen Blicke, die ihm missmutig folgten. Irgendwie hatte es Sunny geschafft, dass er sich selbstsicherer fühlte und wieder mehr zu sich stehen konnte. Eine beeindruckende Persönlichkeit, seine Sunny. Bald durfte er sie wieder allumfassend genießen.

Urheber/Geschrieben von: Julia, Autorin „Gewürzt mit Herz“

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