Die singende Begegnung am Grab

 

Ich stehe bei meinem Sternchen am Grab, rede mit ihr, erzähle ihr vom Tag und frage, wie es ihr geht. Weil ihr Geburtstag ist, singe ich ihr das Lied: `Wie schön, dass du geboren bist`. Auf einmal bemerke ich eine Frau, die leicht versetzt in der Reihe hinter mir bei den Urnengräbern steht. Sie lächelt mich an und begrüßt mich schüchtern, bevor sie auf mich zugeht.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht belauschen. Sie haben so schön gesungen. Das ist ungewohnt hier auf dem Friedhof. Ist das Grab von Ihrem Kind?“

„Ja, das ist meine liebe und herzensgute Kleine. Dieses Lied mochte sie besonders gerne. Sie musste leider schon gehen.“

„Das tut mir sehr leid, dass sowas geschehen musste. Wissen Sie, ich bin auch Mutter. Ich kann Sie sehr gut verstehen. Da hinten liegt das Grab meines Mannes. Ich habe ihn besucht, da wir heute unsere Goldene Hochzeit gefeiert hätten. Aber der Krebs, nun ja. Er durfte nicht friedlich gehen und hatte bis zum Schluss starke Schmerzen. Es war schlimm, sage ich Ihnen!“

Eine ganze Weile stehen wir so beieinander. „Wie hieß Ihr Mann, darf ich fragen?“ „Hans.“ „Haben Sie Lust, sollen wir Hans zusammen ein Lied singen? Sie feiern heute doch auch ein Fest zusammen.“ Die Frau wird ganz verlegen. „Meinen Sie? Darf man das denn auf dem Friedhof, gehört sich das so?“

„Ich glaube, der liebe Gott und unsere Verstorbenen haben nichts dagegen, wenn sie uns mit Freude singen hören. Vermutlich ist ihnen das lieber, als unsere Tränen und unser Leid sehen zu müssen.“

Die Frau denkt eine Weile nach. Schließlich meint sie: „`Das Wandern ist des Müllers Lust`. Das liebte er zu singen, als er mit seinen Freunden noch Ausflüge unternehmen konnte. Das würde ihn freuen.“

Und so haben wir Hans das Lied gesungen. „Haben Sie ihn auch gehört beim Singen?“, frage ich die fremde Frau, die mich mit großen Augen ansieht.

„Wissen Sie, sie sind bei uns an unserer Seite, unsere Verstorbenen. Ob die Partner, die Eltern oder unsere Kinder. Alle sind nur in einer anderen Welt.

“Nächstes Mal singe ich wieder!“, lächelt mich die Frau daraufhin an.

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