Die Fehlgeburt der fremden Frau

Ein Besuch im Hallenbad ist eine aufregende Sache. Nein, ich meine nicht das Schwimmvergnügen. Ich meine die Menschen, die dir in dieser Zeit in ihrer bunten Fülle begegnen.

Während dem Schwimmen befinde ich mich auf engem Raum mit anderen, die alle ihre persönliche Geschichte mit sich führen. Durch die Begrenzung des Beckens kommen wir uns mitunter nah. So können Gespräche entstehen, die einer Wundertüte gleichen. Lächelnd geschieht es meiner Erfahrung nach von ganz alleine. Ohne es zu wollen oder bewusst zu initiieren.

So betrieb ich meinen Sport, als ich unvermutet an eine Frau herantrieb. Da zeitgleich der Kurs des Schwimmsportvereins stattfand, wurde das Wasser von kraulenden Athleten aufgepeitscht. So kann es passieren, dass die Wellen einen in Richtungen tragen, die nicht immer freiwillig ausgesucht sind.:)

Die fremde Frau sah unauffällig aus, war um die sechzig Jahre, mit einer ruhigen Ausstrahlung versehen. Wir kamen ins Gespräch und auf den Schwimmkurs meines Kleinen. Erörterten die Didaktik einer solchen Aktivität und die besonderen Corona-Umstände, die derzeit herrschen. Da fragte sie mich, wie viele Kinder ich hätte. Wie immer antworte ich auf diese Frage mit: „Ich habe zwei Kinder. Meinen Jungen und mein Mädchen im Himmel.“

Die Frau wirkte überrascht und berührt gleichermaßen. Sie wäre Mitglied einer ehrenamtlichen Vereinigung, die mit beeinträchtigten Kindern Ausflüge unternimmt. Kinder habe sie selbst keine.

Während ich ihr mein Sternchen vorstellte, wurde die Frau zunehmend still. Da dies eine Reaktion ist, die mir die Menschen oftmals entgegenbringen, wenn ich ihnen von meiner Kleinen im Himmel erzähle, wunderte ich mich nicht darüber.

Als wir schon im Verabschieden waren, platzte es aus der fremden Frau heraus: „Ich habe auch ein Sternchen. Als ich noch sehr jung war, hatte ich eine Fehlgeburt. Der Vater des Kindes wollte nichts mehr von mir wissen, ich war ganz auf mich alleine gestellt. Vielleicht war es gut so, dass ich das Kind verlor. Von allen Seiten wurde auf mich eingeredet, ich solle das Kind abtreiben. Nun ja, vielleicht hat es das ja bemerkt und ging.“

Ob denn sie leise sprach, hallten ihre Worte in einer Eindringlichkeit, die mir im Herzen schmerzte. Wie es meine Art ist, entgegnete ich ungefiltert: „Sie wären eine tolle Mutter geworden. So viel Wärme geht von Ihnen aus. Dem Kind wäre es sehr gut gegangen bei Ihnen!“

Als die Worte gefallen waren, tat es mir sofort leid. Natürlich musste meine Rückmeldung sie im tiefsten Inneren berühren. An diese Konsequenz hatte ich mal wieder nicht gedacht. Ich sprach schlichtweg aus, was ich in diesem Moment dachte. Mist!

„Entschuldigen Sie bitte, es steht mir nicht zu, das zu sagen. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“

Die Frau verharrte still am Beckenrand, blickte gedankenverloren in die Ferne. Dann drehte sie sich zu mir mit einer solch gewaltigen Intensität in den Augen, dass ich vollkommen ergriffen war.

„Wissen Sie was? Sie sind der erste Mensch, dem ich nach über vierzig Jahren von meinem Sternchen erzähle. Können Sie sich das vorstellen? Ich kenne Sie seit zwanzig Minuten.“ Nach einer vielsagenden Pause fuhr sie fort: „Es wurde Zeit, dass ich darüber sprach. Ja, das wurde es. Ich bin froh, dass ich Sie heute hier getroffen habe. Sie blicken einem so ins Herz.“

Wir sprachen noch eine Weile miteinander, ließen unsere Sternchenkinder aufleben. Es war wunderschön.

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