Gastartikel: Meine traumatische Geburt / CN: Gewalterfahrung im Kreissaal

Einen sehr bewegenden und aufwühlenden Gastartikel reichte mir @StupsiSchnut (Twitter-Account) ein. @StupsiSchnut nehme ich in meinem Empfinden als eine wundervolle und empathische Frau wahr, gespickt mit einem großen Herzen und einem liebenswürdigen und stilvollen Auftreten. Authentisch und mit allen Facetten ihres Seins lässt sie die Menschen auf ihrem Twitter-Account an ihrem Leben teilhaben, ungeschminkt und wahrhaftig. Besucht sie gerne auf ihrem Account, und Eure Zeit ist sinnvoll genommen.

@StupsiSchnut nimmt in ihrem Gastartikel den Leser mit in den Kreissaal, in welchem sie eine wohl traumatische Geburt erleben musste. Von Herzen danke für das Teilhaben lassen an diesen äußerst intimen Momenten und an diesen unschönen Gefühlen neben all dem Glück, Mutter geworden zu sein.

Zudem möchte @StupsiSchnut anderen Frauen Mut machen, über ihre gemachten Gewalterfahrungen während der Geburt zu sprechen und sich nicht dafür schämen zu müssen, sollten diese geschehen sein.

Ein Appell und Aufzeigen eines Misstandes, der so nicht hätte passieren dürfen, wie ich finde. Und doch höre und lese ich in den Medien und in Gesprächen, dass dieser immer wieder passiert.

Vielen lieben Dank @StupsiSchnut!

Hinweis: Der Gastartikel schildert Gewalterfahrungen bei der Geburt. Schwangere sollten ein Lesen gut abwägen.

Natürlich gibt es auch sehr wundervolle Geburtserfahrungen, und nicht jede Geburt geht mit schlimmen Erfahrungen einher.

Liebe Grüße

Eure Julia

…………………………………………………………………

Gastartikel:

Nun reißen Sie sich mal zusammen!

Im Februar 2018 war es endlich soweit – mein lang ersehntes Kind sollte geboren werden. Gewissenhaft las ich Bücher, hatte zig Gespräche mit meiner Hebamme (die natürlich auch ganz gezielt ausgesucht wurde), die gepackte Tasche stand vorschriftsmäßig im Flur. Gebetsmühlenartig hätte ich den Ablauf einer Entbindung nach Lehrbuch herunterbeten können; hatte ich mir jedoch jeden Schritt gut eingeprägt und lauschte aufmerksam auf das kleinste Zeichen meines Körpers.

Doch es kam nichts. Kein Ziehen in den Bändern. Kein Absenken des Bauches. Nichtmal sporadische Verhärtungen der Bauchdecke wollten sich um den Termin herum einstellen!

Eines Nachts wurde ich dann doch davon wach, wie ein dünnes Rinnsal meine Beine entlang lief. Hmm. Ein Blasensprung wäre doch schwallartiges Wasser? Und von Wehen keine Spur. Zur Sicherheit doch lieber ins Krankenhaus, schließlich ist es mein erstes Kind, und ich war wahnsinnig unsicher, ob der unaufhaltsame Prozess der Geburt bereits begonnen hatte.

Im Krankenhaus gähnende Leere, zum Glück. Hektische Betriebsamkeit wäre meiner Nervosität sicher nicht zugutegekommen. Spärliche Beleuchtung versuchte den Flur zur Entbindungsstation zu erhellen, der Weg war mir noch vom Anmeldegespräche bekannt. Klingeln am Kreissaal.

Die Nachthebamme öffnet uns (der Vater des Kindes, zu der Zeit noch mein Ehemann, begleitete mich). Ein Blick, der mich schnell von oben bis unten taxierte; schließlich am Bauch hängen blieb.

„Was wollen Sie hier? Kann sich ja wohl kaum um eine Entbindung handeln, ihr Bauch ist viel zu klein. 7. Monat? 8.?“ Nachdem geklärt war, dass ich mich aufgrund des errechneten Termins und des abgängigen Wassers wohl doch zu Recht hier befände, durfte ich in dem einzigen freien Zimmer auf dem Bett Platz nehmen.

„Aber nicht zu gemütlich machen! Wir haben heute im Laufe des Tages noch geplante Kaiserschnitte. Bis dahin sind Sie entweder fertig oder Sie müssen dann auf Station wechseln. Irgendeinen Platz gibt’s schon. Und wenn’s noch gar nicht so richtig losgeht, tut’s auch mal der Flur für `ne Stunde, nech?“, sprach sie und lies uns verdutzt mit der Anweisung, wenn möglich zu schlafen und nur zu klingeln, wenn ich Wehen bekäme, allein.

Einige Stunden später, morgens gegen fünf, als das Gewimmel des frühen Tages im Krankenhaus die Atmosphäre durchdrang, musste ich in die kochend heiße Wanne steigen. „Wir wollen schließlich, dass es mal losgeht, `ne?“ Und zu meinem Mann gerichtet: „Ach und wenn ihr bisschen schwummerig wird, das ist normal! 15 Minuten sitzen lassen, dann raushelfen.“

Gesagt, getan, bereitwillig zurück auf´s Bett, um die Bemühungen meines Körpers im Nachgang zu kontrollieren. Eine Ärztin huschte in den Raum, stellte sich kurz vor. Mit einer raschen Bewegung waren die Handschuhe über den Fingern und ebendiese in mir. Zur Hebamme: „Gebärmutterhals steht noch fast 2 cm. So schnell wird das hier nix. Bewegung macht vielleicht was. Ich komme in ein paar Stunden wieder.“

Ich lief. Ich lief und lief und lief und lief. Immer wieder meine Kreise um die Station. Treppen rauf, Treppen runter. Wiederholung.

Endlich scharfer Schmerz, ein brennendes Ziehen im Bauchraum, das bis in den Rücken ausstrahlte. Aha – das waren also diese Wehen. Dank der Infos vorher wusste ich, ich solle laufen, bis der Schmerz so stark würde, dass entweder die Knie von selbst nachgeben würden oder keine andere Option als ein Rückzug in das Kreissaalzimmer für mich vorstellbar wäre. Auch hier, ich hielt mich an den Rat der Hebammen. Lief weiter. Hielt alle paar Minuten an, abstützen am Geländer des Treppenhauses.

Atmen. Laufen. Abstützen. Atmen. Laufen. Abstützen.

Bis es nicht mehr ging. Man gewährte mir Einlass in das ersehnte Zimmer, Pause auf dem Bett. Die Wehen rauschten durch meinen Körper. In den Nebenzimmern Schreie. Erst die Frauen, dann die Babys. Seit meinem Aufenthalt drei Geburten, und alle kamen nach mir in den Kreissaal.

Untersuchung. Mittlerweile früher Vormittag.

Aufmunterndes Tätscheln meines Schenkels. „Na, schon zwei Zentimeter offen! Geht doch. Aber wollen doch mal sehen, ob wir da nicht noch was machen können… Wehentropf wäre ok?“ Ich traute mich, vorsichtig zu erfragen, was mich dann erwarten würde. Ob es nicht auch natürlich weitergehen würde. „Bis morgen können wir Sie hier aber nicht liegen lassen! Wir hängen mal ran und schauen, ob in den nächsten Stunden die Öffnung besser und schneller klappt. Ist ja auch für Sie dann angenehmer.“

CTG war prima, Wehen vorhanden, aber der Körper weigerte sich nunmal hartnäckig, sich kooperativ zu zeigen und das Gewebe erweichen zu lassen.

Die Chemie tat schnell ihre Wirkung. Die Wehen kamen schneller, heftiger. Ich spare mir an dieser Stelle die Beschreibung des Schmerzes, der mich innerlich zerreißen wollte. Ich atmete mich in Trance. Jede Wehe, die heran rollte, visualisierte ich als Welle; tauchte in ihr ein, erklomm den Wellenberg und lies mich ins Tal hinabziehen. Pause. Nächste Welle.

Zwei Stunden später. Nächste Untersuchung. Unzufriedenes Stirnrunzeln der Ärztin zwischen meinen Beinen. „Das reicht nicht. Hier ist ja kaum etwas passiert. Höher dosieren.“

Mitleidiger Blick der Hebamme, welche mit der Tagesschicht betraut war. Die ersten aufmunternden, lieben Worte. Zum ersten Mal wurde auch mein Mann anders als wie die sich im Raum befindliche Stehlampe angesehen. Beruhigende Worte auch an ihn.

Ich klammerte mich an mein Bild der Wehen-Welle, atmete, atmete, atmete. Keine Pausen mehr. Welle, Welle, Welle. Mein Gesichtsfeld wurde eng und dunkel. Ich bestand nur noch aus gleißendem Schmerz. Und mein Körper, der Verräter, kooperierte noch immer nicht genügend. Die nächsten Schreie aus den Nebenzimmern. Kinder vier und fünf des Tages.

Mittlerweile seit 15 Stunden in der Klinik. Seit 8 Stunden Wehen. 5 cm offen.

Ich weiß noch, wie ich nach der Ärztin rief: „PDA, bitte, jetzt, ich kann nicht mehr!“ Noch nie habe ich mich für mein Versagen so sehr geschämt. Die natürlichste Sache der Welt – und bei mir geht nichts, der Körper verkrampft, verschließt sich, verhärtet. Kein Wehentropf vermochte das Gewebe geschmeidig werden zu lassen.

„Mit einer PDA spüren Sie dann die Wehen nicht mehr so stark, nur noch als Druck im Körper. Wollen Sie das?“ Zu diesem Zeitpunkt hätte sie mir auch mit einem rostigen Messer den Bauch längs aufschneiden können, es wäre mir egal gewesen, solange es nur meinem Kind gut geht und der Schmerz endlich vorbei ist.

Ihr Kind würde es so schaffen, aber wenn Sie natürlich schon zu schwach sind…“

Die PDA brachte endlich die kurzzeitige Atempause. Jede Wehe nur noch ein Druck im Bauch. Aber ihre Ausläufer zogen sich… Seit diesem Tag weiß ich, was die Redewendung durch „Mark und Bein“ wirklich bedeutet. Rückenschmerzen, als ob die Wirbel bersten wollten, gelähmte Muskulatur, in der ich mich selbst als Fremdkörper fühlte. Jede Stunde einen Zentimeter.

Auftritt Spätschicht-Hebamme. „Ja das muss wehtun, sonst passiert ja auch nichts! Und andere haben das auch geschafft, dann kriegen Sie das ja wohl auch hin! Hören Sie, drüben schon wieder eins. Sie dürfen sich nun mal nicht so anstellen, meine Güte!“

Weitere Stunden vergehen.

10 cm.

Endlich.

Positionswechsel. Verordnet natürlich.  

Ich spüre meine Beine kaum, den Bauch gar nicht, nur brüllenden Schmerz im Rücken. Vierfüßlerstand. Ich sacke zusammen.

„Festhalten! Da oben am Kopfende! Sie müssen schon mitmachen!“ Ein Paar Hände, das mich grob zusammenschiebt und auf dem Bett ausrichtet. „Pressen!“ „Doch nicht sooo!“ „Nach unten!“ „Wenn Ihr Kopf rot wird, machen Sie es falsch. Und der ist rot!“ „Das müssen Sie doch merken!“ „Naja, vielleicht ja wirklich nicht. Sie wollten schließlich eine PDA. Schade.“

Atmen. Schmerzen. Atmen.

Hilflosigkeit. Noch nie habe ich mich so gedemütigt, nackt und allein gelassen gefühlt. So ausgestellt, von Menschen verachtet, die in meinen Eingeweiden herumwühlen und deren Untauglichkeit laut bescheinigen.

Es scheint etwas zu passieren, die Ärztin wird konsultiert. „Sie schafft es nicht allein. Offen ist, Kind liegt noch zu weit oben. Keine Kraft mehr und pressen kann sie wohl nicht richtig. Zumindest bis jetzt nicht.“

Wieder Finger, die sich tastend in mir bewegen. Ich spüre sie nicht, sehe nur die Bewegung. „Schneiden werden wir nicht, es ist nur noch ein kleines Stück. Glocke.“ Durch den Schmerz und die Erschöpfung nahm ich alles nur noch wie durch einen zähen, dickflüssigen Nebel wahr.

Tropfenweise sickerte die Erkenntnis in meine Gedanken, dass ich gleich mein Kind in den Armen halten werde. Was dazu nötig war, verstand ich nicht.

Eine zweite Ärztin, die Oberärztin, kam. Rollte irgendein schlankes, hohes Gerät ins Zimmer, der Schmerznebel nahm mir die Sicht. Positionierte sich zwischen meinen Beinen. Die Hebamme recht neben mir, ihre Hände umgriffen grob meine Arme, zerrten mich in eine halbsitzende Position, das nutzlose Stück Fleisch, das ich in dem Moment war.

Ärztin eins links neben mir. Alle reden durcheinander, aber nicht mit mir. Irgendwas Kaltes an meiner Scham. Irgendwas pikst. Warum fühle ich das überhaupt? Wehen. Atmen. Die Saugglocke. Ich soll pressen.

Ärztin eins legt ihren Arm um mich, doch nicht, um mich zu stützen. Ihr anderer Arm schnellt auf meinen Bauch, ihre Unterarmknochen bearbeiten drückend und schiebend meine Haut, gefühlt in dem Versuch, meine Organe neu zu ordnen. Es reicht nicht. Wieder Gebrüll. Pressen, Atmen, Schieben, Drücken, Schmerz.

Ein Schrei.

Mein kleiner, gesunder Junge wurde geboren.

Nach 21 Stunden Wehen.

„Nun freuen Sie sich doch mal, wir haben es geschafft.“

Ja, WIR hatten es geschafft. Nicht ich. Nicht mein Körper.

ICH war schwach. ICH habe versagt. ICH konnte für mein Kind nicht stark sein. ICH wusste nicht, was mit mir gemacht wird. Welche Schritte wann und warum nötig waren. Was ICH vielleicht doch hätte tun können.

Mein Kind wurde untersucht, vermessen, gesäubert und in ein kleines Rollbettchen gelegt.

Ein nasser Waschlappen klatschte mir zwischen die Beine.

„Nun machen Sie sich mal schnell sauber, dann können Sie rüber auf die Station. Schade, dass das nötig war mit der Glocke zum Schluss jetzt. Aber Sie haben ja nicht geschrien, so wie die anderen Mütter, dann wissen wir ja auch nicht, ob sie wirklich Schmerzen haben. Manchmal muss man sich eben auch mal zusammenreißen! Bestimmt wäre es auch noch so gegangen eine Weile. Aber gut, ist jetzt durch. Und er ja zum Glück ganz fit. Alles Gute dann.“

Ich brauchte mehrere Monate therapeutische Begleitung, um die Schuldgefühle, die in Zusammenhang mit der Geburt standen, aufzuarbeiten.

Durch das Kristellern erlitt mein Kind eine Stauchung der Brustwirbelsäule und eine Zerrung des Zwerchfells. Letzteres wurde mit Geduld und Magnesium behandelt, ersteres durch Osteopathie und Physiotherapie.

Die Schuldgefühle, diese Folgen durch mein Unvermögen verursacht und meinem Kind geschadet zu haben, blieben bis heute.

Am 25.11. jeden Jahres ist der „Roses Revolution Day“ – eine Aktion gegen Gewalt in der Geburtshilfe.

Jedes Jahr an diesem Datum lege ich vor diesem Kreissaal eine rosafarbene Rose nieder. Irgendwann vielleicht auch mal mit Zeilen wie diesen. Weil Gewalt in der Geburtshilfe keinen Platz haben darf.  

2 Gedanken zu “Gastartikel: Meine traumatische Geburt / CN: Gewalterfahrung im Kreissaal

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s