Narben, die vom Leben erzählen – meine Kaiserschnittnarbe

Vor der Zeit meiner Schwangerschaften machte ich mir nie wirklich darüber Gedanken – über die Körperregion zwischen Bauchnabel und Schambereich. Eher über die Stelle oberhalb meines Bauchnabels, da ich dort bereits eine Narbe trug. Als Kleinkind hatte ich ein Geldstück verschluckt, da ich dieses mit Schokoladen-Spielgeld verwechselte. Dem aufmerksamen Blick meiner Mutter entging dies zum Glück nicht, denn es geschah während dem Einkaufen. Als ich mich dann im Anschluss begann zu übergeben und damit nicht mehr aufhörte, brachten mich meine Eltern ins Krankenhaus. Nach der Diagnose wurde mir die Münze wieder entfernt, welche sich in einer inneren Gewebefalte verfangen hatte und somit vom Körper nicht ausgeschieden werden konnte. Deshalb der immer wiederkehrende Würgereiz, mit welchem sich mein Körper letztendlich befreien wollte.

Zu dieser Zeit wurden die Operationen an Kleinkindern noch nicht endoskopisch oder über den Weg durch die Speiseröhre durchgeführt, und die Ärzte wollten damals kein unnötiges Risiko eingehen, denn die Stelle, an welcher sich die Münze verzwackt hatte, war wohl scheinbar recht ungünstig für mich. So schnitten die Ärzte meinen Bauch auf und entfernten das verschluckte Geldstück. Erinnern kann ich mich nur noch daran, dass ich fürchterlich weinen musste, da meine Eltern nicht bleiben durften. Seinerzeit gab es keine Elternbetten auf Stationen, und die Eltern und Bezugspersonen der kleinen Patienten wurden nach Hause geschickt. Diese traumatische Trennung führte dazu, dass ich lange Zeit im Umgang mit Ärzten Probleme hatte, wirklich Vertrauen fassen zu können. Ein weißer Kittel löste lange Zeit unvermitteltes Unwohlsein in mir aus und das vollkommen unabhängig des Arztes, der diesen trug oder des medizinischen Vorgangs. Heutzutage agieren beispielsweise viele Ärzte in Untersuchungen mit Kindern ohne weißen Kittel, sondern in gewöhnlicher Kleidung, um den Kindern keine Ängste zu bereiten. Mittlerweile geht es bei mir mit meiner Phobie jedoch wieder und ich konnte mein Kindheitstrauma dahingehend aufarbeiten.Ein Teil dieser Aufarbeitung war das Friedenschließen mit der Narbe, die nach dieser Operation zurückblieb.

Narben sind Zeitzeugen und erinnern ein Leben lang an Ereignisse, Unfälle oder (überstandene) Krankheiten.

Mein Weg in dieser Hinsicht war dieser, mir ein Bauchnabelpiercing verpassen zu lassen, welches auf diese Körperstelle hinweist und zugleich diese hervorhebt und betont. Ich weiß noch, dass mich die freundliche Piercerin mehrmals fragte, ob ich mir über die Tatsache im Klaren sein würde, dass das Piercing den Blick auf diese Narbe lenkt.

So machte ich aus der Not eine Tugend und trug stolz meine Bauchnarbe zur Schau, funkelnd unterstützt durch einen schimmernden Stein im Nabelpiercing. Später gesellte sich noch ein zweites Bauchnabelpiercing hinzu, so dass ich ober- und unterhalb des Nabels Schmuck trug. Dann kamen meine Schwangerschaften und meine Fehlgeburt dazwischen, so dass es mir ein Bauchnabelpiercing einbüßte und sich eine Kaiserschnittnarbe hinzugesellte. Eigentlich wurde ein Kaiserschnitt zweimal bei mir vorgenommen, doch ich hatte großes Glück an eine sehr fähige Gynäkologin zu gelangen, welche den zweiten Schnitt exakt in der bereits vorhandenen Naht durchführte und sehr gekonnt diesen erneut vernähte. Im Nachhinein bin ich ihr für ihre Voraussicht sehr dankbar, dass sie nicht einen unabhängigen Schnitt setzte, sondern sich des ersten bediente, um ein kosmetisch gutes Ergebnis zu erzielen.

Solche Gedanken wurden mir jedoch erst im Nachhinein bewusst. Zur Zeit der Schwangerschaften war mir mein Aussehen im Grunde dahingehend völlig egal, als dass das Wohl des Kindes immer an erster Stelle stand. Ob ich dafür eine Narbe in Kauf nahm, war mir vollkommen und gänzlich unwichtig.

Nun befinde ich mich derzeit in der Zeit der körperlichen Regeneration, wie ich es ausdrücken würde. Mein Sohn ist mittlerweile abgestillt. Diesen Prozess der Ablösung von der Brust leitete er Stück für Stück selbst ein, als er zunehmend größer wurde. Über seine Bedürfnisse hinweg hätte ich niemals entschieden abzustillen, so lange es mir gesundheitlich möglich gewesen wäre. So war der Lauf der Dinge, und allmählich beruhigt sich mein Körper in Bezug auf seine hormonelle Lage wieder. Schwangerschafts- und Stillhormone sind sehr mächtig und führen allerlei physische und psychische Symptome mit sich. Einige davon sind schön, viele davon sind es leider allerdings weniger, zumindest rückblickend aus meiner Erfahrungswelt betrachtet.

Wenn sich nun alles wieder eingespielt, beruhigt und eingependelt hat, wird eines ein Leben lang bleiben: meine Kaiserschnittnarbe.

Noch als alte Frau werde ich vor einem Spiegel diese anblicken können und daran erinnert werden, dass ich einst Leben schenkte. Auch wenn ein Kaiserschnitt heutzutage oftmals schnell angeboten wird, um alle Risiken für Mutter und Kind auszuschließen und der Mutter Schmerzen zu ersparen, so ist er nicht zuletzt verantwortlich dafür, dass viele Kinder gesund zur Welt kommen dürfen. Noch vor fünfzig Jahren wären diese Kinder vermutlich während den Wehen verstorben oder unwiderruflich durch zum Beispiel Sauerstoffmangel während der Geburt geschädigt worden. Eine Querlage oder eine Nabelschnur, in welcher sich das Kind verfangen hat, können eine normale Geburt unmöglich machen und schlimme Konsequenzen nach sich ziehen.

Insofern ist der Kaiserschnitt aus der modernen pränatalen Medizin nicht mehr wegzudenken und überwiegend als Segen und Lebensretter für Mutter und Kind zu betrachten. Was bleibt ist eine Narbe. Manchmal zieht diese auch Unempfindlichkeiten und Taubheitsgefühle innerhalb der Körperregion nach sich, wie es bei mir danach auch einige Zeit der Fall war. Doch glücklicherweise vergingen diese dumpfen taktilen Unempfindlichkeiten wieder, und nun ist es von diesem Aspekt her wieder wie zuvor. Obwohl – nicht ganz.

Die Narbe teilt Weichgewebe an einer Stelle, an welcher nicht alle Frauen sehr schlank sind. Somit hebt sich das Unterhautfett ober- und unterhalb der Narbe hervor, was optisch etwas unschön wirken kann, zumindest durch meine Augen in Bezug auf meine Narbe betrachtet, nicht im Generellen gemeint. Doch es ist nun einmal so und es führt meiner Meinung nach wohl kein Weg daran vorbei, sich auch mit diesem Zeitzeugen zu akklimatisieren und Frieden zu schließen. Denn wäre diese Narbe nicht, hätte ich ganz bestimmt niemals meine Tochter lebend in meinen Armen halten können und vielleicht auch nicht meinen Sohn.

Bei meinem Sohn war die Geburt offen, doch da bereits ein krankes Kind da und er laut Ultraschall groß und bereits überfällig war, rieten die Ärzte zu einem Kaiserschnitt, um das Risiko für das Kind minimal zu halten. Einen Tag vor dem geplanten Kaiserschnitt setzten bei mir die Wehen ein, und mein Sohn erblickte während diesen per Kaiserschnitt das Licht der Welt.

Schon seit längerem fällt mir auf, dass ich auf den wenigsten Fashion- und Aktbildern Kaiserschnittnarben sehe. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ein Modell in Unterwäsche, Bikini oder Akt sah, welches eine solche Narbe trug. Da dieser Eingriff jedoch sehr oft durchgeführt wird und ich mir nicht vorstellen kann, dass so viele Frauen keinen Kaiserschnitt hatten, liegt bei mir die Vermutung nahe, dass eine vielleicht vorhandene Narbe der Bildbearbeitung zum Opfer fiel und wegretouchiert wurde.

Wie erlebt Ihr das? Mögt Ihr mir Eure Meinung zu diesem Thema sagen?

Ich würde gerne vielen Frauen das Gefühl nehmen können, ihre Kaiserschnittnarbe verstecken oder als Makel betrachten zu müssen. Vielleicht auch – das wäre mein größter Wunsch – mit dieser ein Stück weit Frieden zu schließen, wie ich es gerade bei mir selbst tue. Von daher würde ich mich über eine rege Beteiligung und viele Rückmeldungen sehr freuen und hoffe damit viele Frauen erreichen und ansprechen zu können.

Wer möchte, schreibe mich bitte direkt auf meiner Webseite an. 

In meiner Rubrik „Gastbeiträge lieber Menschen“ würde ich gerne Eure Erfahrungen, Ansichten und Meinungen diesbezüglich veröffentlichen. Dies kann vollkommen anonym, teilanonym oder mit Klarnamen erfolgen, ganz wie Ihr es wünscht. Die möglichen Bilder Eurer Beiträge müssen dabei bitte von Euch persönlich stammen oder mit der Herkunft derer gekennzeichnet sein. Das Urheberrecht über Eure Texte bleibt dabei weiterhin Euch selbst behalten, auch nach einer Veröffentlichung auf meiner Webseite.

Nun würde ich mich über Euer Echo hinsichtlich meiner Gedanken und ins Leben gerufenen Aktion wahnsinnig freuen!

Denn ganz ehrlich:

Darf eine Kaiserschnittnarbe denn nicht gezeigt werden? Lebensretter sind doch keine Makel!

Eure Julia

2 Gedanken zu “Narben, die vom Leben erzählen – meine Kaiserschnittnarbe

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