Gastbeitrag: Ich lebe meinen Albtraum

Wie sieht es in der Gefühlswelt eines Mannes in Bezug auf Partner- und Vaterschaft aus? Was kann er empfinden, wenn es zu einer Trennung kommt? Was geschieht mit den gemeinsamen Kindern?

Einen berührenden und sicherlich für viele Menschen bereichernden Einblick in seine persönliche Lebenswelt und seine reflektierten Ansichten als Mann und Vater gewährt uns netterweise @DrHalbzeitvater (Account-Name auf Twitter). Ein in meinem Empfinden großartiger Mensch, der Herz, Verstand und Seele zeigt.

Vielen lieben Dank an @DrHalbzeitvater für das Teilhaben lassen an seinem Kosmos und das Schreiben dieser Zeilen.

Gastbeitrag:

Ich lebe meinen Albtraum

Von einem, der auszog, um Vater zu bleiben

Sehr, sehr lange habe ich weder heiraten noch ein Familie gründen wollen. Auf der einen Seite, weil ich mich nicht festlegen wollte. Auf der anderen Seite, weil ich eine sehr traditionelle Sicht auf eine Familiengründung hatte und habe: Wenn, dann ist das wirklich „für immer“. Wenn ich das mache, dann muss ich für meine Familie – die Kinder und die Ehefrau – da sein. Für immer. Das ist eine große Verantwortung und zudem war Beständigkeit noch nie so meins. Ich habe Jobs gewechselt, Städte und Frauen. Immer dieselbe? Immer für die anderen da sein, meine Freiheit einschränken? Nein!

Daher trennte ich mich von der Frau, mit der ich schon einige Jahre zusammengelebt hatte. Weil sie eine Familie gründen wollte und ich … nun ja – siehe oben. Neuer Job, neue Stadt, sie in der „alten“ Stadt zurückgelassen. Weil sie eine Familie gründen wollte und ich nicht.

Aber nach nicht einmal einem Jahr hatte ich es verstanden: Sie war es! Mir ihr wollte ich mich tatsächlich festlegen und beständig werden und Verantwortung übernehmen. Und dann natürlich auch her mit den Kindern, denn Kinder mochte (und mag) ich gern und ich konnte schon immer ganz gut mit Kindern umgehen. Also: Neuer Job, alte Stadt und los – die Frau zurückerobern. Ich hatte einen Traum! Eine Familie. Mit ihr. Und zwei süßen Kindern – am besten erst ein Mädchen, dann ein Junge!

Es zeigte sich allerdings: Eine Frau, die man einmal im Regen hat stehen lassen, wieder von sich zu überzeugen – das ist gar nicht mal so einfach. Aber letztlich hatte ich es geschafft. Und dann ging es recht schnell: Tolle Hochzeit, tolle Flitterwochen, kaum zuhause tolle Nachrichten: Sie ist schwanger! Dann kam der tolle Junge … und zwei Jahre später gesellte sich das tolle Mädchen dazu.

Ich lebte meinen Traum!

Nun kam bei meiner Frau der Wunsch auf, in ihre Heimatstadt zurückzuziehen zu ihrer Familie, zu ihren alten Freunden. Unterstützung und Heimat. Konnte ich gut verstehen. War zwar nicht optimal für mich, aber ich konnte es verstehen. Also: Neue alte Stadt, neuer Job… Ich lebte weiter meinen Traum.

Und dann kam der Schlag. Wie aus dem Nichts, dafür umso härter. Sie hatte sich – zumindest kurzzeitig – in einen anderen verliebt, jedenfalls aber irgendwie von mir entliebt. Ich habe alles versucht, was mir einfiel (inklusive einer Paartherapie) – keine Chance, sie wollte die Trennung.

Nun begann mein Albtraum.

Ihr erinnert Euch an die einleitenden Worte? Mein Zögern, nicht Festlegen, keine Verantwortung? Ich hatte das alles überwunden, um mich dann dem Traum der Familie zuzuwenden. Für immer. Der absolute Horror für mich? Dass diese Familie zerbricht. Nicht nur, dass mich die Frau, die ich liebte, nicht mehr wollte. Das war schlimm genug, das tat schon furchtbar weh. Dazu angeschlagenes Selbstbewusstsein, dies das. Nein – die Familie, der Traum… kaputt! Ich war völlig am Boden, ganz tief unten.

Mein Albtraum. Schlimmer, als ich es jemals hätte albträumen können. Nie hätte ich das erwartet, nie! Das Letzte, womit ich gerechnet hätte.

Dennoch galt es, wenigstens das Wichtigste zu retten und zu schützen: die Kinder. Wenigstens für die kann ich für immer da sein. Also bin ich ausgezogen. Obwohl ich das nicht wollte. Und welcher Vollidiot sucht sich schon eine Wohnung in Sichtweite (sic!) der Frau, die ihn gerade verlassen hat? Na, ich. Weil es dann für die Kinder ganz easy ist. Wer läuft jeden Morgen dort vorbei, holt die Kinder und bringt sie zum Kindergarten und zur Schule? Na, ich. Weil die Kinder mich dann jeden Tag sehen und ich für sie ganz normal bin, der Papa halt. Wer hat die Kinder jedes Wochenende bei sich? Na, ich. Weil sie das von Anfang an so wollten. Und ich auch.

Seither bin ich die halbe Zeit allein (und arbeite). Und den anderen Teil verbringe ich mit meinen Kindern, ohne die Frau und Mutter. Ich lebe meinen Albtraum.

Am Wochenende essen wir zusammen – Zuhause oder gern auch draußen. Wir lesen, spielen, basteln zusammen – Zuhause oder draußen. Wir treffen Freunde – die der Kinder und meine, häufig beides. Wir schlafen zusammen in einem Zimmer, seit Corona sogar in einem Bett, aber das ist ein anderes Thema. Wir gehen ins Kino, ins Museum, in den Zoo und erleben Abenteuer zusammen. Wir lachen (viel), weinen (wenig) und streiten uns.

Wir machen alles zusammen, aber ohne die Frau und Mutter.

Wir fahren zusammen in Urlaub und zur Oma. Der Große hat bei mir aufgehört, Windeln zu tragen. Die Kleine hat bei mir aufgehört, Schnuller zu benutzen. Beide haben bei mir Fahrradfahren gelernt. Die Kleine Inliner-Laufen. Wir machen Schulaufgaben. Wir machen alles zusammen, aber ohne die Frau und Mutter.

Am Montagmorgen bringe ich sie dann in Kindergarten und Schule. Danach gehen sie wieder zu Mama. Aber ich bin bald wieder da – am Dienstagmorgen, am Mittwochmorgen… Ich denke, das System ist klar.

Vor etwa zweieinhalb Jahren bin ich ausgezogen. Ich lebe meinen Albtraum.

Aber mittlerweile beginnt es mir zu gefallen. Der Wechsel aus Zeit für mich (okay – das ist wenig, da ich viel arbeite) und Zeit mit den Kindern gefällt mir. Die Tatsache, dass ich mich mit der Ex-Frau zwar (natürlich!) hinsichtlich der Kinder abstimme, aber mein eigenes Leben so leben kann, wie ich will, gefällt mir. Meine neue Wohnung gefällt mir. Dass ich jetzt seit zweieinhalb Jahren ohne eine Frau an meiner Seite bin – tant pis! Ich habe sowieso keine Zeit dazu. Mir fehlt nichts. Vielleicht ändert sich das mal, aber im Moment ist es okay so.

Ich lebe meinen Albtraum. Aber er beginnt mir zu gefallen.

(Autor: @DrHalbzeitvater)

Symbolbild

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