Gastbeitrag: Meine Kindheit, die keine war

Ich möchte euch an dieser Stelle einen ganz besonderen Mann vorstellen. Wir kamen über ein soziales Netzwerk in Kontakt, als er von meiner Webseite und der Möglichkeit der Gastbeiträge erfuhr. Ich schrieb über Erziehung, wir kamen in das Gespräch und ich fragte ihn spontan, ob er etwas aus seiner Kindheit erzählen möchte. Er meinte, er hätte etwas zu erzählen.

Doch lest selbst…

Danke für dein Vertrauen in mich und im Namen aller, dass du deine Lebensgeschichte mit uns teilst. Es würde den Verfasser dieses Gastbeitrags freuen, nicht Sensationsgier zu stillen, sondern anderen eine Bereicherung zu sein und Mut zu machen.

Danke für deinen Mut, Gastautor ! 💙

Triggerwarnung: Den Leser erwarten Erzählungen von Gewalt, sexuellem Missbrauch und Drogenmissbrauch. Sensible oder betroffene Menschen sollten bitte mit Bedacht lesen.

FSK 18 – nur für Erwachsene.

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„Meine erste frühkindliche Erinnerung ist der Schlag mitten in das Gesicht. Ein Schlag, der mein Aussehen auch für immer verändern sollte. Das Nasenbein war zertrümmert und wurde auch nicht behandelt.

Ich war ungefähr 4,5 Jahre alt und sollte den langjährigen Freund meiner Mutter die „Pöhler“ (Fußballschuhe) säubern und einfetten. Das gelang mir wohl nicht zur vollsten Zufriedenheit, was sich dann so mit einem Schlag äußerte.

Das war nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal. Er war nicht mein Vater und hatte trotzdem einen sehr starken Einfluss auf mich und meine Erziehung gehabt. Er hatte den Weg geebnet, wie meine Mutter ihre Kinder erzieht, mit wenig Empathie, viel Schläge und das man immer das Gefühl hatte, das man an allem Schuld ist.

Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass es mehr auf die Fresse als zu essen gab. Das Jugendamt schaltete sich ein, änderte aber nichts an der Situation, da ich hier nicht offen reden konnte, da Mutter immer dabei saß in den Gesprächen oder mir auch nicht geglaubt wurde. Und hatte ich doch mal was erwähnt, dann gab es zur Belohnung im Anschluss Schläge.

Aufgrund meiner Unterernährung bin ich 2 Jahre hintereinander in einer Kinderklinik für 6 Wochen gelandet. Hier sollte ich zunehmen und war in der Regel das einzige Kind, was nicht auf Diät war. Was das bedeutete war abzusehen. Ich bekam zu jeder Sondermahlzeit von den anderen Kids Dresche…

Ich war immer ein Störfaktor, egal wo… Kindergarten, Schule, Sportverein und erst recht Zuhause. Viele Sommer lang Stubenarrest in einem kargen Zimmer, was kein Kinderzimmer war. Dort war ein altes Sofa mit frotteeähnlichem Bezug in dunkelgrün, welches nach kaltem Zigarettenrauch und Urin stank. Ein Fliesentisch mit 46 Kacheln, Nussholzfunier, ein dunkelbrauner Teppich mit Zigarettenlöchern um dem Tisch und ein Sofa drumherum. Zudem ein kleiner, eintüriger Kleiderschrank, jede Menge Rotkreuzsäcke, aus denen ich meine Kleidung raussuchen konnte. Diese wechselten dann auch monatlich. Ein alter Kohleoffen, beigefarbene Tapeten aus den 70-ern, wobei ich denke, dass die noch älter und vom Vormieter waren. Eigentlich weiß, aber durch Tonnen von Zigaretten und dem Kohleofen ihre Farbe verändert hatten.

Das erlernte Verhalten gegenüber anderen zeigte sich schon im Kindergarten, wo ich das von Zuhause Erlernte schnell umsetzte und dort alsbald rausflog. Das machte die Situation nicht besser. Auch in der Schule änderte ich mein Verhalten nicht, weil ich ja nur das umsetzen konnte, was ich im Umgang mit Menschen gelernt hatte. Ich flog darauf mehrfach für teilweise Monate aus der Schule. Einmal wurde ich versetzt, nur weil meine Mutter versprach, das wir aus der Stadt ziehen.

So mit 14 war es dann soweit, das ich freiwillig ins Heim ging, da mir damals schon klar war, Knast oder Tod, das ist nicht das was ich wollte, aber das war auch nur ein Traum. Aber darauf lief es hin. Opa, Onkel, Cousins und nähere Bekannte waren alle im Knast und dazu Alkoholiker. Das waren meine Vorbilder, ich lernte und lebte das Gesetzt der Straße.

Das war aber im Zusammenspiel mit den Heranwachsenden im Heim auch nicht die richtige Sprache. Und so wanderte ich dort auch von Gruppe zu Gruppe und später im „Betreuten Wohnen“ wurde ich dann mit 17 Jahren mir endlich alleine überlassen.

Vielleicht noch einmal ein bisschen zurück, da dies auch dazu gehört.

So mit 12-13 Jahren „durfte“ ich bei der Schwester meiner Oma übernachten. Die hatten ältere Kinder: Eine Tochter so um die 17-18 Jahre und einen erwachsenen Sohn schon 22-23 Jahre.
Hier erlebte ich eine andere Art, die mich für die nächsten Jahre prägte. Erst wurde ich von der Tochter, welche in meinen Augen damals ein wunderschöne und für mich schon erwachsene Frau verführt. Sie hatte mir eingeredet, dass Männer Versager sind, wenn sie die Frauen nicht zu einem Orgasmus bringen. Vorher darf man nicht aufhören. So brachte sie mir viele Techniken bei oder zumeist das, was ihr gefiel. Ihr älterer Bruder platze dann einmal herein. Anstatt sich zu echauffieren, zog er sich aus legte sich zu uns. Er hatte aber kein Interesse an seiner Schwester, sondern nur an mir. Was mir anfänglich in meiner frühpubertären Unbedarftheit gefallen hatte, änderte sich schnell zu einem Martyrium. Dies war ein sonderbarer Sommer, der sich für lange Jahre als einen Schatten auf meine sexuellen Interessen und Handlungen legte.

War ich bei Frauen im Sexuellen geradezu mit großem Eifer bei der Sache, war mein Interesse an Männern rein dominanter Natur. Bei Frauen hatte ich immer alles darum getan, das es ihnen gefiel. Die Frauen hatten oftmals mehrfach einen Orgasmus. Ich fühlte mich danach als ganzer Mann.

Allerdings war meist schnell mein Interesse auch an der Frau verloren, vor allem bei schnelle Bekanntschaften. Wenn die Frau sich schnell auf’s Bett einließ, war sie genauso schnell wieder weg.

Bei Männern war das schon eine etwas extremere Geschichte. Ich suchte mir Männerbekanntschaften aus der einschlägigen Szene und aus Portalen. Hier gab es keine Körperlichkeit und Nähe und niemals Küsse, sondern pure Dominanz!

Wenn klar war, dass was passiert, lief es immer gleich ab: Unterdrückung des Gegenübers. Harter Sex und danach Anziehen und Gehen, egal in welcher Situation. Die Männer waren ein Stück warmes Fleisch, welches ich benutzt habe. Keine Namen, kein „Wie war es, wie geht’s dir?“.

Das ging so bis ich 30 wurde. Ich war zu dem Zeitpunkt Handwerker, da dies der einzigste Beruf war, der mir möglich war zu erlernen mit meinem Hauptschulabschluss der 9. Klasse.

Ich hatte keine festen Freunde, weil ich einfach jeden würdelos behandelte oder jede Frau von meinen Künsten im Bett überzeugen wollte, egal wessen Frau oder Freundin das gerade war.

Besonders wenn ich getrunken hatte, waren schneller Sex oder Fäuste die Devise. Auch war das Klientel mit dem ich „befreundet“ war ebenso simpel gestrickt wie ich. Die einzige Schnittmenge waren dann auch nur Fußball, Frauen, Feiern und Fäuste. Ein Leben auf der Überholspur. Je mehr Feinde ich mir machte, desto besser fühlte ich mich. War es doch das, was ich von Zuhause erlernt hatte. Das war ich. Ein Ich, das aber auch jahrelang Weihnachten und Feiertage allgemein alleine verbrachte und mit Drogen und mit hartem Alkohol Sorgen runterspülte. Ich wartete bis abends die Clubs aufmachten, um mich dort weiter zu produzieren und zu betäuben. Ob mit Drogen, Alkohol, Sex oder Gewalt war letztendlich egal…

Ich wurde dann so mit 30 krank, der Rücken. Ich konnte meinen Job nicht mehr ausführen und fiel in ein Loch. Alleine, keine Hilfe, keinen Zuspruch, dafür viel Zeit, um mich zu reflektieren.

Die Erkenntnis war dann für mich, dass ich immer alles auf meine Vergangenheit geschoben hatte. Ich habe meine Erziehung als Ausrede genutzt, selbst vor mir selbst. Es war nie so, das ich mich wohl gefühlt hatte in meiner Haut und in meinem Verhalten. Dadurch, dass ich mehr betäubt als mit klarem Kopf durch die Welt ging und mir ein Umfeld des verlogenen Zuspruchs gezimmert habe, hatte ich auch nicht die Kraft, Motivation und Ambitionen, um mich zu verändern. Mein Umfeld zu ändern. Ein anderes Leben zu führen. Ein Leben, womit ich mich wohl fühlte und mir nüchtern in den Spiegel schauen konnte.


So saß ich da vor den Trümmern meines Lebenswerks. Nichts was ich in eine neue Zukunft mitnehmen konnte.

Geld weg, Umfeld weg, Job weg, meine Identität weg.

Ich habe immer Ärger angezogen. Ein Blick reichte um mich selbst zu bestätigen. „Aus dir wird nie was!“ ist einer der Sprüche, die mich geprägt haben und an die ich immer geglaubt hatte. Nie gelernt mit Problemen umzugehen, immer weggelaufen und verdrängt und das Gute im Leben verscheucht.

Heute mit 45 bin ich froh, dass ich in meiner aggressiven Zeit scheinbar niemanden – meines Wissens – nachhaltig geschädigt habe, da alles immer in beidseitigem Einvernehmen stattfand. Das macht es nicht besser, aber ich bin heute demütig, dass ich aufrecht gehen kann, ein echten Freundeskreis habe, ein neues berufliches Umfeld gefunden habe, als Mensch gewachsen bin, finanziell zwar nicht ausgesorgt, aber dass es mir im Verhältnis gut geht und ich meine Schulden abbezahlte, was mir persönlich extrem wichtig war.

Wenn das ein Teil meines Canosa-Gangs ist, so gehe ich den gerne, denn vieles kann ich nicht wieder gut machen.

Eine Insolvenz kam für mich nie in Frage. Meine Teams auf der Arbeit gehen mit mir durch’s Feuer, weil ich es schaffe, die richtige und ehrliche Ansprache für jeden einzelnen zu finden. Meine Vorgesetzten sind froh mich zu haben, da mir persönlich nicht das Finanzielle im Vordergrund steht, sondern der Zuspruch und die Anerkennung meine Seele streichelt.

Klar dass diese das auch gerne ausnutzen, aber mich stört das nicht, da ich immer im Sinne der Company und auch im Sinne meiner Mitarbeiter handle.


Meine Freunde stehen zu mir.

Sie schätzen an mir die Ehrlichkeit und Empathie und wissen, dass sie für mich meine Familie sind. Und das seit beinahe 15 Jahren und das wird auch bis zum Ende gehen.

Ich habe eine Frau gefunden, die mein Totem ist. Sex ist kein Vergleich mehr zu früher und hat keinerlei Wichtigkeit mehr für mich. Keine Ahnung, ob das am Alter liegt oder ich mit mir damit im Reinen bin. Und trotzdem lieben wir uns und sind seit 6 Jahren verheiratet.

Heute sehe ich mich nicht mehr so, dass ich aus schlechten Elternhaus komme und es ja so super schwer hatte.

Ich habe mich da raus gekämpft und viele in meinem Umfeld sehen mir das auch nicht mehr an. Ich habe auch mit meinem Elternhaus Frieden geschaffen. Heute lebe ich so, wie es für mich will. Meine Dämonen habe ich im Griff und lasse mich davon nicht mehr beeinflussen. Ich bin stark und gewillt anderen Menschen nur Gutes zu tun, egal in welcher Situation – meine Hand ist immer griff- und hilfsbereit!

Gerade weil ich aus einem schlechten Elternhaus komme, möchte ich ein Pfad sein für diejenigen, die sich noch nicht erkannt haben, aber auch ihr Leben ändern wollen!“

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