Der Corona-Test

Es flog an mich heran wie aus heiterem Himmel.

Vor einigen Tagen fühlte ich mich urplötzlich schlecht, hatte ein Krankheitsgefühl, rasende Kopfschmerzen und einen Druck auf dem Brustkorb. Dazu Gliederschmerzen und eine verstopfte Nase. Alles trocken ohne Sekret, kein Husten und kein Schnupfen.

Gerade die heftigen Kopfschmerzen kannte ich so nicht. Sonst war ich auch schon sehr lange nicht mehr krank.

Eine diffuse Angst überkam mich. Corona. Hast du es irgendwo aufgeschnappt? Dabei habe ich so aufgepasst, alle Regeln des Abstands eingehalten, Mundschutz getragen.

Oh Gott, bitte nicht…

Eine noch stärkere Angst als die erste kommt hinzu: Die Angst um meinen Sohn. Ich habe es erlebt, hautnah, das Sterben einer kollabierten Lunge.

Bitte nicht…

Sich nicht verrückt machen, ruhig bleiben.

Werde ich jetzt sterben?

Ruhig bleiben, Gedanken sammeln.

Ich lernte es in den Zeiten, als meine Kleine auf Leben und Tod operiert wurde.

Ich esse ein paar Stunden später zu Abend, Käsebrot, Apfel, alles wie immer. Dann der süße Joghurt als Nachtisch. Verdammt… Ich schmecke die Süße nicht. Wie betäubt fühlt sich mein Mund an.

Bitte nicht, bitte nicht schon wieder Krankheit, Leid und Tod.

Reiße dich zusammen! Ruhig bleiben.

Panisch esse ich einen kurzen Moment später Schokolade, obwohl ich mich lieber übergeben wollte.

Ich kann die Süße schmecken, in vollem Umfang.

Ruhig bleiben, immer ruhig bleiben.

Am nächsten Morgen rufe ich beim Vertretungsarzt an, mein Hausarzt hat Ferien. Frage nach einem Corona-Test.

„Haben Sie denn Beschwerden? Wissen Sie, die Tests sind knapp, nur aus der bloßen Angst heraus. ..“

„Ich habe meine Tochter verloren. Falls ich Corona haben sollte, möchte ich es wissen. Nicht wegen mir, wegen meinem Sohn. Falls es zu einer Notsituation kommt, wissen die Ärzte im Krankenhaus dann schneller zu reagieren, wenn der Feind bekannt ist…“

„Kommen Sie nach der Sprechstunde. Wir müssen Sie isoliert behandeln. Wenn Sie vor der Praxis stehen, rufen Sie an, dann hole ich Sie an der Tür ab…“

Ablenken. Ablenken. Immer wieder…

Ich schaue zum Himmel. Bitte Schatz, hilf deinem Bruder…

Mittag. Vor der Arztpraxis. Ich werde in ein Zimmer gebeten. Ich soll mich nicht hinsetzen und darf auch nicht die Jacke ablegen. Der Arzt betritt das Zimmer. Er hält Abstand. Er sagt, er gebe mir jetzt Anweisungen, ich solle sie ausführen, aber nicht dabei sprechen. Fragen kann ich später stellen.

Ich nicke. Hebe die Arme, am Rücken wird meine Lunge abgehört. Dann der Test, Stäbchen in Mund und Nasenlöcher. Der Arzt lobt mich. Er meint, meine Lunge ist frei, er glaubt nicht, dass ich Corona habe.

Er sagt mir alle Notfallnummern, für mich und den Kleinen. Sagt, 1-7 Tage geht die Auswertung. Ich solle mich gesund ernähren, viel schlafen, viel trinken und vor allem: Keine Angst haben. Angst fördert Krankheit, bei mir und dem Kleinen.

Ein sympathischer Arzt, denke ich mir… Am Menschen, authentisch und nah.

Es war ein komisches Gefühl, wie ein Aussetziger behandelt worden zu sein. Die Bedenken in den Augen der Menschen, wenn es nicht sicher ist, ob man Corona hat.

Ich soll nirgends hin bis zum Testergebnis, zudem Mundschutz tragen wegen dem Kleinen.

Im Auto denke ich mir, wenn ich es habe, hat es mein Kleiner schon längst.

Nun beginnt das Warten…

Verdammt, wie hasse ich es. Gefühle von früher kommen hoch. Warten, immer musste man warten auf die Nachricht, das Kind hat überlebt…

Ruhig bleiben. Einfach weiter atmen.

Die Angst, noch ein Kind verlieren zu können, wieder an eine Krankheit, sie schleicht sich in alle Glieder…

Gift, dass dir den Verstand raubt, wenn du ihrer nicht Herr wirst.

Mittlerweile geht es mir deutlich besser, nur noch etwas Schnupfen, ab und an leichte Schluckbeschwerden.

Ich schmecke alles und habe auch kein Fieber. Dem Kleinen geht es auch gut.

Zwei Tage später klingelt das Telefon. Auf dem Display die Nummer des Arztes. Ich bekomme auf einmal Panik, mein Herz schlägt wie wild. Kaum kann ich sprechen…

Ich schließe für einen Moment die Augen, atme tief durch und nehme ab.

Der Arzt bittet mich, meine Daten zu bestätigen: Geburtsdatum, Adresse. Das sei Vorschrift vor Nennung des Testgebnisses. Ich bekomme kaum ein Wort heraus. Meine Hände zittern.

„Testergebnis negativ. Unauffälliger Befund. Zusammen mit meiner klinischen Untersuchung ist eine Corona-Infektion mit größter Wahrscheinlichkeit auszuschließen.“

Ich kann garnicht sprechen vor Erleichterung. Der Arzt schiebt hinterher: „Ich freue mich für Sie. Machen Sie sich keine Sorgen mehr. Sie haben kein Corona.“

Ich gehe zu meinem Kleinen hoch, gerade ist er aufgewacht. Am Wickeltisch beuge ich mich zu ihm:

„Schatz, deine Schwester hat uns geholfen. Mama hat kein Corona.“

Photo by Sharon McCutcheon on Pexels.com

Veröffentlicht von Autoringewürztmitherz

Willkommen! Fühle Dich wohl bei mir und entspanne Dich bitte! Es würde mich freuen, meine Worte könnten Dich bereichern! Ich bin Autorin, und alle meine Artikel sind "Gewürzt mit Herz". Viel Spaß!

4 Kommentare zu „Der Corona-Test

  1. Und schon wieder kommen mir die Tränen…
    Hat „Sie“ ihre kleinen Händchen schützend über Euch gehalten 🙏🏻🥺 Euer „Engelchen“
    Weiterhin viel Gesundheit und Zuversicht!

    Gefällt mir

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