Der Besuch ihres Grabes

Ich bin bei meiner Kleinen auf dem Friedhof, mein kleiner Großer ist dabei.

Wir entdecken einen wunderschönen Christbaum auf einer Anhöhe auf dem Gelände des Friedhofs. Gemeinsam gehen wir hin, um ihn uns genauer anzuschauen. Es ist schon dunkel, obwohl es noch gar nicht spät ist. Umso mehr leuchtet uns der Baum den Weg.


„Siehst du Schatz, wie der Stern über dem Stall von Bethlehem den Weg wies, so zeigt uns das Strahlen des Christbaums den Weg“, meinte ich zu meinem Sohn.


Wir hatten die Anhöhe gerade erreicht und waren ein wenig außer Atem. Wunderschön leuchtet der Baum inmitten der Dunkelheit. Als wir beim Christbaum ankommen, halten wir inne und genießen die Stille.


„Hat den der liebe Gott hingestellt Mama, um den Menschen eine Freude zu machen? Alle Menschen sind doch gerade traurig wegen der Corona-Krankheit.“


„Ach Schatz, das ist eine gute Frage. Ich vermute, der Herr Pfarrer hat ihn zusammen mit Freunden aufgestellt und so schön geschmückt. Er wollte dem lieben Gott bestimmt Arbeit abnehmen, wo doch gerade überall so viele Christbäume stehen. Aber ich glaube, es geschah im Sinne des Herrn.“


Eine Weile standen wir still beisammen. Dann überkam es mich und spontan begann ich Weihnachtslieder zu singen. Irgendwie gab mir das Singen Trost und Zuversicht.

Mein Sohn stimmte mit ein so gut er konnte und so hallen unsere Stimmen in der Dunkelheit.


Auf einmal hörten wir zwei weitere Stimmen im Gesang. Erschrocken fuhr ich herum und sah in gewisser Entfernung zwei Menschen stehen, ein Mann und eine Frau.


„Entschuldigen Sie, stört es Sie, wenn wir mitsingen? Wir halten sicheren Abstand wegen der Schutzmaßnahmen, keine Sorge. Es hat gerade gut getan zu singen.“


„Natürlich können Sie mitsingen, Sie stören nicht, danke dass Sie fragen und auch Abstand halten. Das dachten wir gerade auch, dass es uns gut tut.“


„Sie sind doch die Frau, die ihr Kind verloren hat? Oh je, ich bin indiskret, entschuldigen Sie.“


„Alles gut, ja das bin ich. Unsere Kleine singt die ganze Zeit mit, denn sie steht im Geiste an unserer Seite. Haben Sie nur keine Berührungsängste.“


„Wissen Sie, ich frage deshalb, weil ich Ihr Leid kenne. Ich habe auch ein Kind verloren. Die Geburt ging seinerzeit zu lange und die Medizin war noch nicht so gut wie heute.“


Ich lächle und frage: „Weitersingen?“

Die Frau lächelt mich wissend an, sind wir doch zwei Verbündete im Leid.

Sie schaute dem Mann neben ihr lange in die Augen, eine reife Liebe zeigte gerade ihr Gesicht.

Der Mann legte eine Hand auf ihre Schulter und küsste sie auf die Wange. Ich freute mich für deren beider Glück. Dann wandten sich beide wieder uns zu.

„Sehr gerne, lassen Sie uns fortfahren!“

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