Vom Leben und Sterben eines Kindes, Teil 2

Heute Nacht schläft sie aber lange, denke ich mir auf einmal.

Ich pumpe gerade Milch ab, um endlich einmal Vorräte anzusammeln und den Milchfluss anzuregen.

Er gedeiht wundervoll und trinkt tüchtig, alle Vorräte hat er zeitnah aufgebraucht.

So beende ich mein Abpumpen, weil mich auf einmal eine innere Unruhe erfasst, begleitet von einem schweren Gefühl, dass mir fast die Luft zum Atmen nimmt.

Eine Stimme sagt in meinen Gedanken: „Der Tod wird kommen“.

Ich verdränge das Gefühl augenblicklich, mache mich auf den Weg zum Zimmer, in dem meine Kleine schläft. Halte noch an der Tür zum Zimmer meines Kleinen und schaue einmal vorsichtig hinein.

Er schläft friedlich mit ruhiger Atmung. Etwas das ich bis heute nicht ablegen kann, auf seine Atmung im Schlaf zu achten.

Die Ärzte sagten immer, die gefährlichen Situationen geschehen im Stillen…

Ich gehe weiter in’s Zimmer meiner Tochter. Ein drückendes Gefühl begleitet mich. Die Schwere, wenn der Tod anklopft…

Ich kenne dieses Gefühl zu gut, träume ich doch oftmals den Tod von Nahestehenden. Ihren Tod hatte ich nicht geträumt, alles wird gut, denke ich mir…

„Nein“, vernehme ich das Flüstern. Ich verdränge es vehement und betrete den Raum, mach Licht.

Ich höre sie nicht atmen.

Komisch, denke ich mir, die letzten Tage hatte sie schwer geschnarcht, und auch so atmete sie nie lautlos.

„Gesunde Kinder hören sie nicht im Schlaf, Schnarchen ist ein Zeichen von Schleimverlegung“, meinten die Ärzte immer.

Ich sehe sie an. Sie ist ganz grau im Gesicht und atmet sehr flach.

Ich bekomme eine Gänsehaut und Angst durchfährt meinen Körper. Mein Herz klopft auf einmal schneller. Irgendetwas stimmt nicht, spüre ich instinktiv.

Der Kinderarzt war erst am Nachmittag da. Ich hatte ihn gerufen, da mir ihre Atmung nicht gefiel und ihr Sättigungswert niedrig war. Ich hatte ihn dreimal gefragt, ob sie Antibiotikum braucht.

„Nein“, sagte er, „inhalieren sie mit dem Medikament. Ihre Bronchien sind etwas zu. Wenn es in zwei Tagen nicht besser ist, geben wir Antibiotika“.

Sie sollte diese Frist nicht mehr erleben…

Ich schaue auf den Monitor, an dem sie immer beim Schlafen angeschlossen ist. Mein elektronischer Babysitter, nannte ich ihn immer. Irgendwann musste ich auch mal schlafen…

Die Werte sind gerade an der Grenze zum Alarm und schlechter als am Nachmittag. Oh Gott, bitte nicht! Angst… Immer größere Angst…

Ich nehme sie hoch auf meine Arme, versuche sie aufzuwecken.

„Wenn sie schlecht atmet, wecken sie sie auf“, meinten die Ärzte immer.

Beim Anheben merke ich, dass sie glüht. Oh Gott, wo kommt auf einmal dieses Fieber her?

Fieber bedeutet für einen herzkranken Menschen immer Lebensgefahr. Ein gesundes Kind hält Fieber drei Tage unbedenklich aus, ein krankes Kind einen Tag.

Panik erfasst mich. Ich versuche ruhig zu bleiben, Panik hilft ihr nicht.

Sie hängt schlaff in meinen Armen, wacht nicht auf.

Ich lege sie auf das Bett. Sie hat die Augen halb geöffnet, reagiert jedoch nicht auf meine Ansprache. Ich bekomme sie nicht mehr wach.

„Bitte Schatz, du musst aufwachen, bitte, sonst stirbst du, bitte….“

„Bitte Herr, lasse sie nicht sterben… Nimm mich bitte, nicht sie…“ bete ich…

Ich rufe ihren Vater herbei. Dann setze ich einen Notruf ab und rufe einen Krankenwagen.

Der Mensch am anderen Ende fragt mich, ob ich wirklich einen Arzt brauche. Ich sage ihm: „Ja , sofort, meine Tochter atmet immer schlechter und ist bewusstlos“.

Der Monitor beginnt Alarm abzugeben. Ein schrilles Piepsen.

Es kriecht mir durch Mark und Bein.

Ihre Werte sinken unaufhörlich. Ich stelle ihren Sauerstoff höher, noch höher, bis zur höchsten Stufe, stabilisiere ihre Körperlage.

„Bitte wach auf Schatz!“

Sie wacht nicht auf.

Ihr Gesicht grau, ihr Körper marmoriert. Ein Zeichen von Sauerstoffmangel im Blut. Ich hatte es oft gesehen auf der Intensivstation, erst wurden die Kinder grau… Und dann weiß.

Die Rettungssanitäter treffen zuerst ein. Zwei junge Männer betreten den Raum. Sie erkennen sofort, dass die Lage ernst ist. Ihre Blicke werde ich nie vergessen.

„Das arme, sterbende Kind“, sagen die Blicke.

„Meine Tochter erstickt gerade, bitte helfen sie ihr.“

Der Notarzt trifft ein. Der gleiche Blick. Er stellt ihre Bewusstlosigkeit fest.

„Wir versuchen sie ins Krankenhaus zu bringen, ich weiß aber nicht, ob sie die Fahrt überlebt, da bin ich ehrlich mit Ihnen. Wollen Sie sie in den Krankenwagen tragen?“

Ich will instinktiv aufstehen, liegt sie doch in meinen Armen. Da spüre ich ein scharfes Stechen.

„Ich hatte vor zwei Wochen einen Kaiserschnitt“, sage ich wie in Trance.

Der Notarzt nickt und nimmt sie auf seine Arme. „Gehen Sie mit?“, fragte er mich.

„Ich kann nicht, ein Säugling ist noch im Haus. Ihr Vater begleitet sie.“

Sie brachten meine Tochter aus dem Haus und mussten sie 15 Minuten stabilisieren, bevor sie die Fahrt ins Krankenhaus antreten konnten.

Ich schließe die Haustür und gehe wie betäubt in die Küche. Auf einmal breche ich zusammen und weine heftig.

„Bitte nicht, bitte lasse sie nicht sterben!“, rufe ich immer wieder gen Himmel.

Nach einer Weile gehe ich nach oben, schaue in das Kinderzimmer meines Sohnes. Er hat von dem ganzen Drama nichts mitbekommen und schläft weiterhin friedlich.

Der Morgen graut, es wird allmählich hell.

Ich lege mich wie ferngesteuert etwas hin. Eine halbe Stunde später erwacht mein Sohn und macht sich bemerkbar.

Ich stehe auf, streife im Vorbeigehen das Bett meiner Tochter.

Ihr Kopfabdruck ist noch im Kissen sichtbar. Die Decke verwuschelt, ihr Lieblingskuscheltier sitzt brav im Eck ihres Bettes…

Ich gehe zu meinem Sohn. Nehme ihn aus seinem Bettchen, lachend quakend begrüßt er mich, nichtsahnend des vergangenen Geschehens.

Wir gehen in das Kinderzimmer seiner Schwester zurück, da ich ihn dort stillen möchte.

Beim Vorbeigehen schaut er in das Kinderbett seiner Schwester.

Es durchfährt mich ein heftiger Schmerz, so intensiv wie noch nie zuvor erfahren.

„Schatz, deine Schwester musste in’s Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut…“

Photo by Curtis Adams on Pexels.com

Veröffentlicht von Autoringewürztmitherz

Willkommen! Fühle Dich wohl bei mir und entspanne Dich bitte! Es würde mich freuen, meine Worte könnten Dich bereichern! Ich bin Autorin, und alle meine Artikel sind "Gewürzt mit Herz". Viel Spaß!

6 Kommentare zu „Vom Leben und Sterben eines Kindes, Teil 2

  1. Oooooh mein Gott…. 🙈 😭💔Mir bricht es daß Herz!…..
    Ich möchte so viel sagen… Aber ich weiß, dass jedes Wort zu viel ist….
    Niemand sollte daß erleben müssen…
    Es tut mir unsagbar leid 😩😭😭😭

    Gefällt mir

    1. Danke💙 Es war und ist nicht schön, um es schlicht zu formulieren. Doch viele liebe Menschen erfahren dieses Leid tagtäglich. Ein ❤ an alle Betroffenen! Danke für dein schönes emotionales Feedback… Liebe Grüße!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: