Der Dorftrottel

Gerade verlasse ich das Geschäft, da höre ich ihn schon, bevor ich ihn sehe:

Einen Mann Anfang vierzig, hagere Erscheinung, strähniges Haar, das Gesamtbild ungepflegt.

Noch auffallender als sein Äußeres sind seine Äußerungen, vielmehr die Lautstärke derer.

Er spricht mit sich selbst, ab und an unterbricht er seinen Monolog mit Ansprachen von vorbeilaufenden Passanten.

Ich erkenne den Mann: Er ist auch bekannt als der Dorftrottel.

Irgendwann in seinem Leben ging etwas schief, und er konnte dieses Schiefgehen wohl nicht verarbeiten.

Er begann zu trinken. Erst Bier, dann Wein, dann folgte der Schnaps. Seine Eltern starben, als er gerade volljährig war.

Er hat einen jüngeren Bruder, der einem Beruf nachgeht. Er selbst hatte Maschinenbau studiert. Eine Frau und Kinder hatte er nicht. Ein sanierungsbedürftiges Häuschen mitten im Ortskern ist sein Eigen, geerbt von den Eltern.

Woher ich das alles weiß, ohne je ein Wort mit ihm gesprochen zu haben?

Vom Dorfgespräch, vom Dorftratsch, von der Weitergabe der Vita eines Menschen durch Klatsch.

Die Leute scheinen alles über diesen Mann zu wissen…

Und doch weiß niemand etwas über dich, nicht wahr?

Wie schnell die Gesellschaft ein Urteil über einen anderen Menschen fällt, wie gnadenlos sich Menschen über andere Menschen als deren Richter aufspielen…

Während ich die Einkäufe im Wagen verstaue, spricht der Mann Passanten an. Freundlich, nicht wüst, doch merklich verwirrt.

Er ist stark alkoholisiert, denke ich mir. Jeder seiner Ansprachen ein Hilferuf nach gesehen werden, nach wahrgenommen werden.

Nicht als Abschaum der Gesellschaft, nicht als Alkoholiker, nicht als gestrandeter Versager, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt.

Gesehen werden als Mensch wie du und ich, ohne Urteil und Vorurteil, ohne falsche Anteilnahme, sondern mit aufrichtigem Interesse an der eigenen Person.

Was hat dich zu einem Schatten deiner selbst werden lassen?

Was verletzte dich so dermaßen, dass du nur die Flucht in die Sinnesbetäubung sahest?

Ein anderer Mann winkt ihn mit abfälliger Handgeste ab, Frauen schauen an ihm durch, ein paar Jugendliche lachen ihn aus…

Keiner behandelt ihn als gleichwertigen Mensch. Jeder nimmt sich das Recht heraus, sich über ihn zu erheben.

Du bist Abschaum am Rande der Gesellschaft, scheint jede dieser Reaktionen zu sagen.

Weil er ein offensichtliches Alkoholproblem hat?

Weil er zu laut spricht?

Weil er überhaupt andere Menschen anspricht?

Keinem tritt er zu nahe, keinen Menschen beleidigt er. Der „Dorftrottel“ behandelt sein Gegenüber mit Achtung und Respekt und zeigt mehr Würde im Verhalten als jeder dieser Passanten.

Der „Dorftrottel“ ist ein Mahnmal für die Menschen.

Er ist vermeintliches Synonym für Schwäche und Brechen am Leben und seiner Tragik.

Er erinnert unbewusst an all die unschönen Seiten unseres Seins, unfreiwillig hält er einen Spiegel vor.

Photo by Christine Vesters on Pexels.com

Keiner spricht mit ihm, nur schnell vorbei an diesem Menschen. Er wendet sich daraufhin einem Hund zu, der im Auto auf seine Besitzer wartet.

Die Tragik dieser Reaktion versetzt mir einen Stich in den Magen.

Dieser Mensch, der vermutlich dem Alkohol erliegen wird, wenn sein Körper den übermäßigen Konsum irgendwann quittiert.

Oder schafft er doch noch die Kurve?

Ein Gefühl überkommt mich, dass er selbst nicht mehr daran glaubt, an sich selbst.

Ein Schicksal wie viele andere Schicksale auch.

Wer vermag ihm die Hand zu reichen?

Wer weiß, vielleicht würde er dadurch Mut finden…

Veröffentlicht von Autoringewürztmitherz

Willkommen! Fühle Dich wohl bei mir und entspanne Dich bitte! Es würde mich freuen, meine Worte könnten Dich bereichern! Ich bin Autorin, und alle meine Artikel sind "Gewürzt mit Herz". Viel Spaß!

4 Kommentare zu „Der Dorftrottel

  1. Jeder von uns kennt die Situation in der man sich selbst befindet, wenn man den sogenannten Aussenseitern der Gesellschaft begegnet. Viele Menschen wollen sie bewusst nicht wahrnehmen, würde ich sagen. Und manchmal ist der Weg so einfach, fast lautlos und dennoch sehr wirkungsvoll, wie der Pfeil ins Schwarze: Ein Lächeln, wahrnehmen und zulassen! Das ist selten ohne Antwort und wird begriffen. Diese Leben sind so komplex, dass ein Gespräch in diesem Moment nicht entstehen kann….man benötigt erst eine Zulassung von beiden Seiten. Meiner Erfahrung nach geht es nicht darum sie wieder in die Mitte zurückzuholen, sondern den so von Dir genannten Spiegel auf uns zuzulassen und auszuhalten. Das verändert den Einzelnen am meisten und dadurch wird etwas was „tot sein soll / nicht da sein soll“ wieder lebendig sein lassen.

    Sich selbst anzunehmen, ist eine Herausforderung für viele im Leben. Lassen heißt lieben!

    Du liebe Julia, schaust genau hin was das Wesentliche ist. Du hast die Fähikeit es aufzuschreiben und anderen Menschen mitzuteilen. Eine wundervolle und verantortungsvolle Gabe! Ich freue mich immer etwas von Dir zu lesen, macht es doch klar wie vielfältig und wie letztlich einfach die Welt in uns bestellt ist.

    Danke dafür

    Holger

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