Gedanken einer Sternchen-Mama

Nun stehe ich wieder an deinem Grab mein Engel, wie Tag um Tag und egal bei welchem Wetter.

Es ist mir ein inneres Bedürfnis, einmal am Tag nach dir zu sehen und zu schauen, ob es dir gut geht.

Jetzt, wo der liebe Gott auf dich aufpasst und ich meine Fürsorge um dich in seine Hände legen musste.

Bitte gebe ihr ausreichend zu trinken, sage ich ihm manchmal, weil du doch immer viel trinken musstest.

Musstest, weil es Teil deiner Pflege war, weil die Flüssigkeit deinen Schleim in den Atemwegen locker hielt.

„Müssen“ musstest du so viel in deinem kurzen Leben, mein Engel.

Viele Schmerzen, Operationen, Aufenthalte auf Intensivstationen musstest du hinnehmen.

Und tatest dies wie eine Kämpferin und hast uns dennoch immer wieder alles verziehen.

Die Ärzte sagten immer, dass du nicht viel mitbekommen würdest, dass deine Wahrnehmung beeinträchtigt sei und sie nicht wüssten, was du alles realisierst.

Viel nur mir dieser Widerspruch auf?

Dein Gendefekt, verbunden mit einer Behinderung, wurde zum Stigma, als würdest du einen durchsichtigen Stempel auf der Stirn tragen.

„Totgeweiht“ sagt dieses Stigma.

Uns allen widerfährt dieses Schicksal. Du hattest das Kreuz zu tragen, dass die Ärzte bei dir täglich darauf warteten.

Wie ein Mantra sagten sie, du könntest jederzeit aufhören zu atmen oder dein Herz aufhören zu schlagen.

Du hast den Ärzten in Gedanken dann immer den Mittelfinger gezeigt…

Nie wolltest du Mützen tragen.

Lange kam ich nicht dahinter, warum du dich gegen das Anziehen von Mützen gewehrt hast.

Dann wurde es mir klar…

Der Beatmungsschlauch hing die ersten drei Lebensmonate an einer Kappe befestigt.

Ich hätte an deiner Stelle auch keine Lust mehr auf Mützen gehabt…

Bei Männern mit Brillen im Familien- und Bekanntenkreis hast du angefangen zu weinen, obwohl sie lieb zu dir waren.

Warum nur, fragte ich mich…

Welcher Arzt mit Brille musste an dir eine unangenehme Behandlung vorgenommen haben, welche dir so dermaßen zusetzte, dass du dir dies gemerkt hast und mit einer Brille in Verbindung gesetzt hast.

Aber sie kriegt doch nichts mit, sagten sie immer…

Menschen mit Beeinträchtigung sind ein solch menschlicher Zugewinn, eine solch wertvolle Bereicherung, dass sie ohne Diskussionen in unsere gesellschaftliche Mitte gehören.

Habt keine Angst vor Diagnosen mit Behinderung in Bezug auf eure Kinder, freut euch um das Glück, sie bei euch zu wissen…

So stehe ich an deinem Grabe…

Und denke mir so oft, wenn es gegangen wäre, hätte ich dir sofort dieses Kreuz abgenommen und deine Krankheit getragen.

Sofort.

Doch es ging nicht, warum dieses Unglück auch geschehen musste.

Ich hoffe, ich konnte dir zumindest einen Teil deines Leids abnehmen und ihn mit Freude füllen…

Du hast mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist.

Du, der Mensch mit Behinderung, der Mensch jenseits aller Norm, hast die Essenz des Lebens sofort verstanden.

Du hast uns Erwachsenen an die Hand genommen, geduldig und verzeihend und hast unsere Dunkelheit mit deinem kostbaren Licht erhellt.

Du, der Mensch mit Beeinträchtigung, hast wohl so manches Mal gedacht, wie begriffstutzig die Großen doch sind und die Botschaft des Lebens nicht verstehen.

Am Tage deines Versterbens starb ein Teil von mir mit. Er liegt bei dir, damit du nicht so alleine bist mein Engel.

Eine Wunde bleibt lebenslang, denn ein Teil deiner ging…

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Liebe Mamas und Papas von Sternenkindern!

Nehmt diese Wunde in eurem Herzen wahr. Weint, trauert, schreit, zweifelt, leidet…

All diese Emotionen müssen nach außen kommen, sonst vergiftet ihr euch nach und nach im Innern und das hätte euer Sternchen nicht gewollt.

Erst nach dem Durchleben des Abschieds seid ihr wieder offen und bereit für das Leben mit all seinen Wundern.

Achtet auf euch, tut euch Gutes, lebt, lebt, lebt – für euer Sternchenkind.

Eine Wunde, die äußerlich blutet, würdet ihr doch auch kompromisslos versorgen…

5 Gedanken zu “Gedanken einer Sternchen-Mama

  1. Ich habe 4 Kinder an der Hand und 4 Sterne im Herzen. Leider durfte ich sie nie in den Armen halten, hätte es so sehr gerne getan. Und egal ob vor der Geburt gestorben, ich habe sie geliebt und auch um sie getrauert. Können viele Menschen nicht verstehen. Ich habe meinen Sternen einen Abschiedsbrief geschrieben, so habe ich etwas in der Hand. Das Du einen dort zum trauern hast und diesen intensiv nutzt freut mich sehr für Dich. Schön das Du die schönen Momente für Dich im Herzen trägst.
    Wiebke

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  2. Ich bin heute auf Twitter zufällig auf Deine Zeilen gestoßen.
    Ich finde es ganz toll und wertvoll, wie und was Du schreibst. Es ist und wird es noch lange sein, ein Trost und eine Ermunterung für viele.

    Ich selbst bin auch ein betroffener Vater. Wir haben vor mehr als dreizehn Jahren Zwillinge erwartet und knapp vor der Geburt ist, völlig unerwartet ein Mädchen verstorben und das andere in Folge mit einer schweren Sauerstoffunterversorgung per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Seitdem begleitet und ein Stern und eine sehr liebe und besondere Schwester. Vor drei Jahren hat sich dann ihre Mutter, meine Frau, das Leben genommen… Seitdem haben wir zwei hier, zwei Sterne dort!

    In meiner Arbeit versuche ich ganz vielen Menschen Mut zu machen, dass sich jeder weg, ganz egal wie „schwer“ er sein mag, immer lohnt. Ich bin, trotz allem, überzeugt: Das Leben meint es gut mit uns!

    Und heute Abend werde ich am Friedhof vorbei gehen und auch singen.. ;-))
    Danke und eine feste Umarmung!
    Christoph

    Gefällt 1 Person

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