Wann ist Leben lebenswert?

Ich sitze im Café der Spezialklinik.

Und ich warte…

Ich warte auf den Anruf der Chefärztin, die gerade mit ihren Kollegen meine Kleine operiert. Nur der Chefanästhesist hatte sich bereit erklärt, die Operation zu begleiten, geschuldet seiner langjährigen Berufserfahrung. Kein anderer Arzt sonst.

Angst…

Angst, ein Kind könnte unter den Händen wegsterben. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Ich kann ihre Gedankengänge nachvollziehen. Was mache ich nur, wenn dieser Chefarzt in Rente geht?

Warten…

Stundenlanges Warten…

Warten, während dein Kind gerade am offenen Brustkorb operiert wird. Die Chancen 50/50 stehend laut Ärzten, dass sie überlebt.

Wisst ihr, was alles nichtig wird in einem solchen Moment? Wie lächerlich manche Momente eines Lebens in diesem Moment wirken können?

Demut.

Ich schmecke weder den Kaffee, noch die Butterbrezel vor mir. „Essen Sie etwas, vergessen Sie sich nicht“, hatten die Ärzte gesagt, „Sie werden die Kraft noch brauchen“…

Wie soll ich etwas essen können, wenn ich jederzeit einen Anruf bekommen könnte, mein Kind hat es nicht geschafft.

Ihr Gendefekt ist sehr selten und relativ unbekannt und leider kaum erforscht. Die Ärzte kennen bisher nicht den Weg für dieses Krankheitsbild.

Zum Glück kann ich sie fühlen und trage sie in meinem Herzen…

Ob sie die OP dokumentieren dürfen, um Erfahrungswerte zu sammeln, wurde ich gefragt.

„Laborratte und Testobjekt für die Forschung“, kommt es mir zynisch in den Sinn.

„Diese Krankheitsbilder können nicht ausreichend erforscht werden, da 9 von 10 Frauen abtreiben bei der Diagnose Gendefekt und behindert“, so die Aussage eines jungen ambitionierten Arztes.

Ich willigte in die Dokumentation der OP ein. Warum ich einwilligte?

Weil die Erkenntnisse dieser OP vielleicht einmal einem anderen Kind helfen werden, um dass es leben darf.

Stunde um Stunde zieht sich das Warten hin.

Auf einmal spüre ich meine Kleine wieder, innerlich im Herzen, so als wäre sie gerade aufgewacht.

Sie hat es überstanden, Gott sei Dank, denke ich mir erleichtert. Wobei erleichtert ein zu lapidares Wort ist für dieses Gefühl…

Eine halbe Stunde später die Bestätigung durch die Chefärztin:

„Die OP verlief gut und sie ist wohlauf. Wenn alles gut abheilt, wird sie in drei Tagen keine Atemunterstütztung mehr brauchen.“

Sie kann dann alleine atmen, ohne Hilfe von Geräten und mit einer enormen Verbesserung der Lebensqualität.

Das war mein Antrieb für die Einwilligung zu einer OP, in der mein Kind nur 50% Überlebenschancen hat…

Ich stehe auf und gehe zum Ausgang.

Eine verschleierte Frau betritt das Café, auf dem Arm ein Kind, welches um den Kopf einen großen Verband trägt. Ihre Augen sind voller Sorge…

Ich kann sie gut verstehen und denke mir, dass Elternliebe universal ist, unabhängig jeglicher Herkunft oder Nationalität.

Wollen wir nicht alle das Beste für unsere Kinder?

Ich wandere durch zig Flure, passiere eine Vielzahl an Menschen. Jeder trägt hier sein Kreuz und leidet im Stillen. Diese Atmosphäre auf den Fluren einer Intensivstation…

„Die wirklich Kranken hörst du nicht jammern, sie tragen ihr Schicksal in der Stille“, denke ich mir…

Im Aufenthaltsraum sitzen zwei Teenies mit Mundschutz. Sie stehen lachend auf und biegen in die Onkologie-Abteilung ab.

Tja ihr Mundschutzverweigerer, unterhaltet euch doch mal mit diesen Mädchen, die ihr Leben lang einen Mundschutz aufgrund ihrer nicht intakten Immunabwehr tragen müssen.

Ich komme im Zimmer an, in dem meine Kleine mit einem anderen Mädchen zusammen liegt.

Ich setze mich an die Seite ihres Krankenbettes und nehme ihre Hand, warte geduldig auf ihr Aufwachen.

Jetzt kann es nur besser werden, flüstere ich ihr zu, dass ich sehr stolz auf sie bin.

Wenn ich sie umarmen will, soll ich einen Mundschutz tragen, zur Sicherheit. „Eine solch schwere OP schwächt das Immunsystem ungemein“, so die Ärzte.

Ich schaue zu dem anderen Mädchen im Zimmer, welches von zig Maschinen und einer Vielzahl a Schläuchen angeschlossen ist.

Ich hatte erfahren, dass das Mädchen im Koma liegt und sein Gehirn abgestorben ist. Maschinen erhalten bei ihr das Leben, kontrollieren Atmung, Nahrun und Körpertemperatur.

Sie ist dadurch ein Intensivstpflegefall.

Wann ist Leben lebenswert?

Eine ethische Frage….

Eine grausame Frage…

Für Diejenigen, die vor die Entscheidung gestellt werden, Maschinen anzulassen oder abzustellen.

Das Mädchen schaut unentwegt zur Decke. Sie wird ausschließlich fremdbewegt und günstig gelagert wegen ihren Wunden, der Schleim wird regelmäßig abgesaugt.

Hätte es das Mädchen so gewollt?

Oder hätte es lieber sterben wollen?

Ich wurde auch gefragt, falls eine lebensbedrohliche Situation eintritt, wie weit sollen die Ärzte die lebenserhaltenden Maßnahmen fortführen?

Welche Entscheidungen wir im Laufe unseres Lebens treffen müssen… Ich möchte einfach mal wieder nur entscheiden müssen, was ich zu Mittag essen darf.

Die moderne Medizin ist Fluch und Segen. Ohne sie wäre meine Kleine nicht lebend zur Welt gekommen…

„Unter den Kranken ist meine Kleine noch fit“, sagen die Ärzte.

Welch Erkenntnis einer furchtbaren Superlative…

Da sehe ich die Mutter des anderen Kindes sitzen, ganz versteckt hinter dem Krankenbett. Gestern wurde sie in die Pflege eingewiesen, denn sie möchte ihre Kleine mit nach Hause nehmen.

„Respekt und Achtung für diese Entscheidung“, denke ich mir.

Ich gehe zu ihr hin, irgendwie ist es mir ein Bedürfnis.

Herzlich begrüße ich sie, als sie sich schnell einige Tränen aus den Augen wischt…

„Ihre Kleine ist wunderschön, so tolle dunkle Haare“, sage ich ihr liebevoll.

Ich meinte es so, sie war ein süßes Mädchen, zumindest das was ich von ihr hinter den Schläuchen erkennen konnte.

„Danke sehr, das sagen nicht mehr viele, seit sie hier ist. Wie geht es ihrer Kleinen, sie hatte doch heute OP, oder?“

„Zum Glück verlief alles so wie geplant laut Ärzten. Nachher erfahre ich mehr…“

„Seien Sie froh, Sie können nichts dafür, dass Ihr Mädchen dort liegen muss“, sagt sie völlig unvermittelt.

„Wie meinen sie das?“

„Sie sagten doch, sie hat einen angeborenen Gendefekt. Unsere Kleine wurde gesund geboren. Sie war gerade am Laufen lernen. Mein Mann, jetzt Ex-Mann, konnte sie nicht beruhigen. Sie hat immer so viel geweint. Nur bei mir hat sie damit aufgehört. Ich hätte die beiden niemals alleine lassen sollen. Mein Ex schüttelte sie dann. Dadurch fiel sie ins Koma, weil ihr Gehirn starb…“

Oh Gott, da war sie wieder, diese grausame Sperlative…

Ich war sprachlos. Wie musste sie sich fühlen? Von Schuldgefühlen zerfressen, sich selbst die schlimmsten Vorwürfe machend.

Was sagt man einem Menschen in einer solchen Situation? Wirkt nicht jedes Wort hohl?

Ich streichle ihren Arm auf und ab, rein intuitiv, ohne lange Nachzudenken.

Eine ganze Weile stehen wir stumm beieinander, umgeben von Maschinen, die ständig Alarme geben, unsere Kinder liebend.

„Wissen Sie, sie kriegt noch viel mit. Man kann es kaum glauben, aber auf ihre eigene Art und Weise spricht sie mit mir. Sie ist da. Ich spüre sie. Wie soll ich da den Ärzten sagen, stellt die Maschinen ab?“

Wann ist Leben lebenswert?

Ich vermag diese Frage nicht zu beantworten…

Vermögt ihr es?

„Sie schaffen das. Bitte glauben Sie an sich.“

„Haben Sie keine Angst etwas falsch zu machen und verantwortlich für ein Unglück sein zu können? Sie legen ihr die Sonde alleine,wie schaffen Sie das?“

Mir steigen Tränen in den Augen…

„Wie ich das schaffe? Wie es wohl alle Eltern schaffen, die ihre kranken Kinder pflegen: Ich will sie bewahren vor noch mehr Leid. Wenn die Ärzte die Sonde legen, bekommt sie immer Nasenbluten. Bei mir bekommt sie das nicht. Aber glauben Sie mir, es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn sie dabei weint.“

Nun streichelt sie mir den Arm. Ein ortloses Verstehen zweier Mütter vereint im selben Schicksal.

Ich schaue sie an und äußere:

„Sie können es. Die Kraft dafür liegt tief in Ihnen, in Ihrem Herzen. Vertrauen Sie auf Ihren Mutterinstinkt und ihre mütterliche Intuition. Kein Arzt vermag dies zu ersetzen. Lassen Sie sich dies niemals absprechen. Ihr Kind braucht diesen Instinkt. Er kann ausschlaggebend sein über Leben und Tod.“

„Danke…“, kaum hörbar geflüstert, war ihre Antwort.

Die Chefärztin betritt auf einmal den Raum. Ich atme tief ein und aus und versuche meinen Herzschlag zu beruhigen.

Hoffentlich waren die Strapazen dieser OP für meine Kleine nicht umsonst, denke ich mir, während ich die Ärztin begrüße.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Veröffentlicht von Autoringewürztmitherz

Willkommen! Fühle Dich wohl bei mir und entspanne Dich bitte! Es würde mich freuen, meine Worte könnten Dich bereichern! Ich bin Autorin, und alle meine Artikel sind "Gewürzt mit Herz". Viel Spaß!

4 Kommentare zu „Wann ist Leben lebenswert?

  1. Was für ein Alptraum! Ich möchte DIES niemals erleben müssen. Ich wünsche dir und deiner Tochter Alles erdenklich Gute 🙏
    Ich habe etwas ähnliches auch erlebt. Nicht in dieser Intensität.. Ähnlich…
    Meine Tochter hat damals ihre Geburt selbst eingeleitet… Wehen.. Krankenhaus.. Geburt.. Soweit alles „normal“.
    Bis auf die Kleinigkeit, dass sie wenige Stunden später blau anlief… Chaos pur.. Wenn damals nicht ein „uralter“ Kinderarzt gerade Dienst gehabt hätte.. Hätten wir sie.. verloren!
    Daß richtige Antibiotika gerade noch auf den letzten Drücker… Hirnhautentzündung.. Im Mutterleib angesteckt.. 🙈 (die Chance dazu 1:1000000) .. Rückenmark puntionen.. Alles voll mit Streptokokken! 3 Wochen Kampf – Hoffen – Pure Angst..
    SIE hat es geschafft! Eine Kämpferin 🙏🙏🙏Gott sei Dank!
    Danach ständig die Angst, dass „etwas“ übrig geblieben ist..
    Zum Glück NICHT
    Seit damals nenne ich Sie „immer“ : Mein Engele

    Danach ständig

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen lieben Dank für deine Worte und das Teilhaben lassen an deiner Geschichte 💜 Für uns alle eine Bereicherung… Danke für dein Vertrauen. .. Deine Tochter lag auf Leben und Tod. . Und hatte Glück, die passende medizinische Betreuung bekommen zu haben. .. Ich freue mich für dich, für dieses Geschenk, dass sie leben darf… Und ihr eure gemeinsame Zeit mit Leben füllen könnt ❤ Wirklich ein Engel, deine Kleine❤ liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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