Abtreibung! Abtreibung?…

Ich möchte euch teilhaben lassen…

Teilhaben lassen an einem ganz besonderen Menschen…

Es war eine wundervolle Schwangerschaft. Völlig unkompliziert. Ohne Probleme. Das Kleine in mir war sehr lieb, kaum bis wenig Schwangerschaftsbeschwerden hatte ich. Bis zumBeginn des letzten Drittels der Schwangerschaft…

Der Frauenarzt wurde zunehmend beunruhigter. Das Kind wuchs nicht altersentsprechend. Es war für die jeweiligen Schwangerschaftswochen zu klein.

Ich erinnere mich noch gut an die Normlinie des Wachstums, die mir gezeigt wurde. Die Diskrepanz meines Kindes zu der Linie wurde immer größer…

Ungereimtheiten beim Herz-CTG traten auf…

Der Arzt riet zum Kaiserschnitt zwei Wochen vor errechnetem Geburtstermin. Die Untersuchungsergebnisse wurden immer beunruhigender…

Was fühlt man in diesem Moment?

Angst. Um dein Kind und dessen Gesundheit. Einfach nur Angst…

Ich hatte die pränatalen Möglichkeiten der Diagnostik nicht wollen.

Das Baby wurde geholt. Ich hielt mir die ganze Nacht zuvor den Bauch und redete mit ihm. Redete ihm gut zu…

Ich hörte den ersten Schrei eines wundervollen neuen Lebens…

Ich liebte sie von Anfang an und jetzt noch mehr. Sie war ein absolutes Wunschkind gewesen…

Mein Baby wurde mir nicht gebracht. Ich spürte emsiges Treiben um mich herum… Wo ist meine Tochter, fragte ich die Anästhesie, während sie mich zunähten.

Ausweichende Antwort. In mir stieg ein Gefühl auf… Ein intensiver Schmerz… Eine unheilvolle Vorahnung.

Ich wurde in ein Zimmer verlegt.

Die Hebamme fragte mich, ob ich das wusste, während meiner Schwangerschaft. Ob ich mich bewusst für das Kind entschieden hatte…

Ich schaute sie völlig perplex an und fragte: „Was gewusst?“

Die Hebamme wurde rot und hatte es plötzlich eilig. „Ein Arzt kommt gleich zu Ihnen“…

Nach einigen Stunden des Wartens, ohne mein Baby, kam der Arzt.

Er sagte, dass meine Tochter nicht alleine atmen könne. Und mit einer Sonde ernährt werden muss. Und dass ihr Herzschlag ungewöhnlich ist…

Wie fühlt man sich in einem solchen Moment? Wenn der Boden unter einem aufgeht… Und du fällst und fällst und fällst…

Der Arzt fragte: „Haben Sie das nicht gewusst, dass sie krank ist? Haben Sie keine Diagnostiken machen lassen? Wollten Sie das Kind trotzdem?“

Ich schaute ihn an und sagte: „Ich liebe mein Baby. Bringen Sie mich bitte zu ihr.“

Ich wurde im Krankenbett auf die Kinderintensivstation gerollt. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Mitleid…

Ein Stationsarzt begrüßte mich unsicher. „Ja, also“ stotterte er. „Ihr Kind hat….“ Er zählte mir alle möglichen Unzulänglichkeiten auf…

Ich hörte ihn nicht mehr. Ich sah vor mir mein Baby liegen. Angeschlossen an zig Kabeln. Beatmet. Mit Sonde. Maschinen. Ich sah kaum etwas von ihrem Köpfchen, soviel war an ihr angebracht.

Und soll ich euch etwas sagen?

Ich sah gerade das wundervollste, schönste Wesen, das ich je gesehen hatte…

Ein tiefes reines Gefühl der Mutterliebe für mein Mädchen durchflutete mich. Ich wusste sofort, ich werde dich vor allem Unheil bewahren und dich immer lieben, so wie du bist…

Mein Mädchen wurde mit einem Gendefekt geboren. Sie war behindert.

Und sie war das liebste, unschuldigste und wunderbarste Wesen, das ich je kennenlernen durfte…

Ich war stolz, ihre Mutter sein zu dürfen…

Die folgende Zeit war geprägt von Operationen, Kummer, Sorgen, zig Arztterminen…

Und gefüllt mit tiefer von Herzen kommender Freude, viel Lachen und wunderschönen gemeinsamen Erlebnissen…

Ein Engel wurde mir geschenkt…

Ich übernahm ihre Pflege und holte sie nach Hause. Ich lernte, wie man Vitalfunktionen überwacht, Sonden legt, Medikamente verabreicht.

Und ich lernte Demut. Die Freude an den kleinen Dingen des Lebens. Die Essenz des Lebens.

Vieles wird auf einmal nichtig. All das Streben nach materiellen Werten, das Streiten über Sinnloses…

Mir wurde durch sie bewusst, was Leben ausmacht… Und was nicht.

Immer wieder musste ich Ärzten ihr Dasein erklären. Immer wieder wurde ich überrascht gefragt, warum ich nicht abgetrieben hatte, als sich im letzten Drittel der Schwangerschaft die Schwierigkeiten abzeichneten. Ich hätte doch bis zum Schluss noch können. Ohne rechtliche Konsequenzen. Eine Spritze, Tabletten, das Kind hätte doch keine Schmerzen gehabt, es hätte das Sterben nicht gemerkt…

Ich möchte Niemandem zu nahe treten. Niemandem. Ein behindertes krankes Kind zu haben ist nicht einfach…

Du musst bereit sein, dein komplettes Leben diesem einen Wesen zu opfern, wenn du die Pflege auf dich nimmst…

Du musst psychisch gefestigt sein, denn es wird dir alle Kraft abverlangen…

Du wirst immer Sorgen haben…Oft Kummer… Du wirst leiden, wie du noch nie gelitten hast…

Es ist wahrlich keine leichte Entscheidung, für oder gegen eine Abtreibung zu sein, ob das Kind nun gesund oder krank ist.

Doch ich hätte es nicht können. Niemals. Ich wollte nicht über Leben und Tod meines Kindes entscheiden, nur weil es behindert war.

Meine Verantwortung für dieses Leben begann mit der Schwangerschaft…

Und endete mit ihrem Tod.

Sie durfte fast 4 Jahre bei mir bleiben, ehe ihr Herz aufhörte zu schlagen.

Sie schlief friedlich ein…

Dieser süße Engel wurde wieder in den Himmel gerufen; er war mir nur geliehen…

Ich möchte keine einzige dieser Tage mit meiner Kleinen missen… Keinen einzigen.

Ich bin dankbar und froh, ihre Mutter gewesen zu sein.

Sie hat mir soviel gegeben an Lebensfreude und an ihrer ureigenen Sicht auf die Dinge…

Ihr Dasein war mir eine unendliche Bereicherung…

Und sie so dankbar, dass sie auf Erden sein durfte… Wie jedes andere gesunde Kind auch.

Man sagte mir damals, sie wird nicht älter als 4 Wochen werden. Sie wurde fast 4 Jahre alt…

Natürlich kommt es immer auf individuelle Lebensumstände und auf das konkrete Krankheitsbild an.

Ich möchte aus ganzem Herzen Niemandem zu nahe treten oder gar urteilen über getroffene Entscheidungen…

Das liegt mir mehr als fern.

Mein Anliegen, warum ich euch an diesem Kapitel meines Lebens teilhaben lasse, ist folgendes:

Liebe Eltern, lasst euch keine Angst machen. Vertraut auf euer Bauchgefühl. Lasst euch Zeit mit der Entscheidung. Lasst euch nicht überreden und nicht überrumpeln. Ihr wisst alleine, was zu tun ist. In euch steckt diese Wahrheit. Ihr wisst am Besten, was gut für euer Kind ist…

Glaubt an euch…

Diese Entscheidung wird euch ein leben lang nachgehen…

Trefft sie in Ruhe und weise…

Wenn ich heute als zum Schwimmen fahre, an meinen Baggersee… Und plötzlich bricht der Himmel auf, wenn ich den See betrete… Ein Lichtstrahl scheint zwischen den Wolken hindurch…

Dann schaue ich immer hinauf gen Himmel und sage: „Danke mein geliebter Engel…“

Und ich höre sie antworten: „Mama, solange warst du für mich da… Jetzt hast du wieder Zeit für dich… Wir sehen uns wieder…“

Und ich lächle ihr zu: „Ich weiß Schatz, ich weiß…“

Photo by Gustavo Fring on Pexels.com

Veröffentlicht von Autoringewürztmitherz

Willkommen! Fühle Dich wohl bei mir und entspanne Dich bitte! Es würde mich freuen, meine Worte könnten Dich bereichern! Ich bin Autorin, und alle meine Artikel sind "Gewürzt mit Herz". Viel Spaß!

12 Kommentare zu „Abtreibung! Abtreibung?…

  1. Sehr schön, hoch emotional, spannend geschrieben Julia, ich hatte beim Lesen Gänsehaut pur, ich war fasziniert, alles fing bei mir an zu Laufen und zu Strömen (Gefühle) und die einzig richtige Entscheidung hast du getroffen, aber ich bin mir ganz sicher, du hast sie nicht aus dem Bauchgefühl her getroffen sondern aus deiner weiblichen Intuition und sie ist anders wie bei normalen Männern, denn in diesem Moment hattest du eine Herz – Kohärenz (tiefste Verbundenheit mit deinem Herzen) wir Männer haben leider zu oft eine Kohärenz mit unseren analytischen Verstand und der ist oft ein schlechter Diener / Ratgeber mit seinen unendlich vielen Konditionierungen und Versuche des logischen Denkens.
    Das Herz ist nicht nur viel, viel intelligenter mit seinen EQ (Emotionale Intelligenz) sondern besitzt auch ein 100 Mal stärkerer Magnetismus – Ausstrahlung – Anziehung wie das Gehirn)
    Jedes Leben, jede Seele ist die Krönung der Schöpfung und deshalb auf jeden Fall erhaltenswert, verbunden mit absoluter tiefer Liebe der Verbundenheit und von dieser Verbundenheit mit deinem Kind wirst du lebenslang mit höchsten – positiven Emotionen der Liebe zehren und verbunden sein. Jede andere Endscheidung, hätte dich in einem Teufelskreis geführt, hätte, hätte Fahrradkette….*seufzt*
    Jedes Mal wenn ich in meinen Leben auf mein dieses sogenannte Bauchgefühl nicht gehört habe, sondern auf meinen analytischen Verstand (besonders in der Liebe) ging es ganz gewaltig schief daneben.

    In Dankbarkeit und Wertschätzung für dein teilen und ganz besonders als Hilfestellung für andere Frauen in ähnlichen Situationen, Ralf 🌹👍😊

    PS: „Du bist eine ungewöhnliche, junge Frau mit einem Talent ( großer – emotionaler – kreativer – Intelligenz )des Schreibens gesegnet. 😉🌹

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    1. Ich danke dir von Herzen Ralf für deine offene liebenswerte Rückmeldung… Zu Schreiben ist in der Tat eines meiner stärksten Ausdrucksmittel… Ich liebte schon immer das Wort… Und ich freue mich, dass du meine Essenz meines Artikels so treffend erfassen konntest… Wenn es auch nur einer Frau Hilfe ist… Wenn dadurch vielleicht ein Kind mehr leben darf… Oder ein Behinderter mit anderen Augen gesehen wird… Würde ich mich von Herzen freuen💙 liebe Grüße!

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  2. Himmel, es ist so schwer zu lesen, mußte so oft schlucken…. Deine Geschichte: sie berührt, sie zeigt aber auch Deine Stärke + Dankbarkeit, die sich aus diesen unfassbaren 4 Jahren ergeben haben… Danke für diese Worte! Jeder, der ähnliches erlebt hat, wird dies nachempfinden können, die anderen werden es vielleicht begreifen(oder verstehen?). Diese Entscheidung FÜR Dein Kind hat Dich stark gemacht, auch dafür, dies jetzt hier zu veröffentlichen. Schlimm sind die wortlosen und stummen Zeiten danach, wenn es dunkel ist in d.Seele und niemand ein Licht gibt. Du hast es wohl geschaft in die Helligkeit.

    Julias Sex – Willkommen

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    1. Ja, das habe ich Markus… Es ist eine Wunde, die immer bleiben wird… Ein Teil deiner stirbt mit, wenn dein Kind stirbt… Doch das Leben möchte gelebt werden… Und letztendlich sehen wir uns alle wieder ❤ Ich danke dir für deine liebevolle Rückmeldung. .. Liebe Grüße!

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  3. Liebe Julia
    ich habe gerade ganz viele deiner Beiträge (auch Twitter) gelesen. Ich empfinde unglaublich großen Respekt vor Dir. Ich könnte mir gut vorstellen ein ganzes dickes Buch nur mit deinen Beiträgen zu lesen – und ich bin anspruchsvoll. Ganz liebe warme Grüße und Drückerle (wenn ich darf).
    Sybille

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