Chronik eines Sterbens

Dieser Beitrag dient meiner subjektiven persönlichen Aufarbeitung des Erlebten. Niemand soll sich dadurch angegriffen fühlen…

Er ist einem wundervollen herzensguten Menschen gewidmet:

Meiner geliebten Mutter…

Frühjahr:

Meiner Mutter geht es gut. Sie fährt viel Rad, bestreitet alleine ihren Alltag. Eine Frau, die vier Kinder gebahr, ein Leben lang arbeiten ging, ihren Vater lange pflegte und die Betreuung ihres behinderten Bruders trug. Sie ist immer für Andere da.

Die Ärzte raten ihr schon lange zu einer Hüft-OP. Meine Mutter möchte nicht. Sie hat Angst davor. In meinem Alter komme ich aus dem Krankenhaus doch nicht mehr lebend raus, scherzte sie immer.

Sie sollte recht behalten…

Ich rede ihr zu. Die OP zu machen. Den Ärzten zu vertrauen. Für mehr Lebensqualität…

Sie lässt sich schließlich überreden von mir. Oder überzeugen, wie man es sehen will.

Der Vortag der OP. Stationäre Aufnahme. Riesenbetrieb. Ein emsiges Wumseln. Alle Zimmer voll belegt.

Man unterschreibt so ziemlich alle Risiken, alle Nebenwirkungen. Und doch nicht alle…

Da ist es das erste Mal bei mir. Dieses komische Gefühl. Macht es nicht, sagt dieses Gefühl. Ich rede mir selbst gut zu. Mutter sage ich nichts davon.

Der Tag der OP. Warten auf den Anruf, dass alles geklappt hat. Ich sitze im Café. Wieder dieses Gefühl. Es geht schief, sagt es. Mir wird etwas schlecht. Ich bete…

Da kommt der Anruf. Sie hat die OP gut überstanden. Gott sei Dank!

Die Wunde am Schlauch blutet nach. Es sind drei Tage vergangen nach der OP. Das muss nochmal genäht werden mit einem Stich, sagt der Arzt.

Ein Chirurg kommt am Freitag Nachmittag zum Stich setzen. Im Krankenbett, örtlich betäubt. Ich frage zuvor nach, warum im Krankenbett. Irgendwas wegen Belegung ist die Antwort. Machen Sie sich keine Sorgen, beruhigt die Schwester.

Einen Tag später Entlassung. Ich erkläre mich einverstanden, die Wundversorgung zu machen, werde angeleitet.

Daheim. Von nun an gehe ich drei Monate lang zweimal täglich zu meinem Elternhaus zum Verbandswechsel.

Drei Tage nach Entlassung fällt mir die Wunde auf. Die Einstichstelle ist gerötet. Geschwollen. Meine Mutter schwächer als sonst.

Ich alarmiere den Hausarzt. Das kommt vor, es braucht Zeit zum Verheilen, sagt er. Ich sage ihm, etwas stimmt nicht, er soll vorbei kommen.

Er sagt, ich soll mich beruhigen. Ich schicke ihm ein Bild der Wunde… Er kommt noch am selben Tag. Nimmt einen Abstrich. Ergebnis nach zwei Tagen: Ein Wasserkeim. Gefährlich, weil äußerst schwer zu greifen, resistent. Ich recherchiere… Aufgelistet als typischer Krankenhauskeim, bevorzugt über Wunden und Schlaucheintritte. Überlebenschancen bei allerbesten Voraussetzungen: 20%.

Mir wird schlecht. Der Hausarzt wird komisch. Er will die Weiterbehandlung wieder in die Hände der Klinik geben. Ich ahne Schlimmes. Verantwortlichkeiten abgeben…

Nach zig Anrufen, Nachhaken, intensiver Pflege und 6 Wochen Antibiotikum… Klingt die Wunde ab. Ein erneuter Abstrich nach drei Monaten: keine Keime mehr nachgewiesen.

Ich frage die Ärzte, ob dennoch noch Schläfer im Körper bleiben können oder ob es ausgestanden ist? Das können wir nicht sagen, die Antwort. Und: Dieser Keim kommt überall vor, nicht nur im Krankenhaus.

Das stimmt. Laut Internet leben aber die resistenten Mutationen im Krankenhaus. Nicht im heimischen Badezimmer. Der Keim stirbt ab 70 % Alkohol oder Chlor. Dumm nur, dass das dem Mensch auch schadet. Schläfer bleiben fast immer im Körper zurück. Vornehmlich in der Lunge. Im Schleim.

Ich muss weinen. Eine schlimme Vorahnung überkommt mich… Ich höre die innere Stimme: Du hast nicht gehört…

In der darauffolgenden Nacht träume ich vom Tod meiner Mutter…

Mutter wird schwächer. Bewegt sich immer weniger. Schläft viel. Wird sehr still. Muss immer wieder erbrechen. Beginnt zu husten. Kriegt schwerer Luft.

Sommer:

Mein Vater ruft mich in der Nacht an. Mutter geht es schlecht…

Ich fahre hin… Spüre gedanklich eine Kerzenflamme, die immer schwächer wird…

Ich komme an. Mutter ist grau im Gesicht. Nicht mehr ansprechbar. Flache Atmung. Ich rufe sofort den Notarzt. Ob ich wirklich einen Arzt brauche, werde ich gefragt? Ja, sofort, antworte ich. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, wir hätten sie daheim in Ruhe sterben lassen…

Im Nachhinein ist man bekanntlich immer schlauer…

Der Notarzt kommt. Ich werde seinen Blick nie vergessen… Todgeweiht, sagen seine Augen, als er meine Mutter sieht. Abtransport. Mein Vater bricht zusammen, bekommt ein Beruhigungsmittel. Er sieht seine Frau nach über 50 Jahren Ehe gerade das letzte Mal lebend…

Ich versorge ihn… Als er kurz schläft, breche ich zusammen.

In dieser Nacht schlafe ich eine Stunde. Ein weiterer Tag Intensivstation.

In der darauffolgenden Nacht der Anruf. Kommen Sie bitte. Sie mussten Mutter gerade wiederbeleben.

Ich fahre zum Krankenhaus. Während der Fahrt spüre ich in Gedanken eine Kerzenflamme, die erlischt.

Im Krankenhaus. Die Blicke der Pfleger: Totgeweiht. Ich sehe meine Mutter im Krankenbett. Die vielen Kabel, Maschinen, Schläuche, der Beatmungsschlauch in der Nase…

Es erschreckt mich nicht mehr, ich kenne es bereits. Meine Mutter sieht ironischerweise rosig aus, nicht mehr grau. Ihre Hände sind fast schwarz. Ein Arzt steht plötzlich neben mir. Erzählt etwas von schwerer Lungenentzündung, Lungenversagen, von einem Herzen, das nicht mehr ausreichend versorgt wird. Sie hätten alles getan. Es gibt keine Möglichkeit mehr zu helfen.

Ich bitte den Arzt, mich alleine mit ihr zu lassen. Hebe meine Mutter. Lege meinen Kopf auf ihre Brust. Das gleichmäßige Heben und Senken erzeugt eine Maschine. Alleine atmet sie bereits nicht mehr. Ich rede mit ihr. Erzähle Belangloses. Sage ihr, dass ich dankbar bin, dass sie meine Mutter ist…

Ihr linkes Bein zuckt. Der Monitor zeigt Herzrhythmus-Störungen. Ihr Brustkorb senkt sich einmal unnatürlich tief ein. Der Pulswert auf dem Monitor senkt sich ab. Immer weiter. Ich sage noch: Bitte nicht…

Die Tür geht auf. Der Arzt sagt zu mir: Ihre Mutter stirbt gerade…

Ich halte sie. Der Monitor schlägt Alarm. Ich sehe noch den Wert von Sättigung und Puls: 0.

Der Monitor wird abgeschaltet. Das Personal lässt uns allein. Mutter’s Gesicht wird allmählich weiß. Ihre Lippen blass. Ihr Körper kalt. Und steif. Ihre Seele ist schon auf der Reise. Ich halte nur noch ihren Körper.

Ich fahre zu meinem Elternhaus. Das Leben beginnt gerade an diesem Morgen…

Mein Vater sitzt in der Küche. Er ist gehbehindert durch eine Zuckererkrankung und konnte nicht mit. Er fragt mich hoffnungsvoll: „Wann kann sie wieder heim kommen?“…

Herbst:

Es lässt mir keine Ruhe. Ich fordere den Arztbrief an. Was hat die Lungenentzündung ausgelöst?

Wir hatten eine wunderschöne Beerdigung. Ich konnte Frieden schließen. Kümmere mich so gut es geht um meinen Vater. Meine anderen Geschwister wohnen weit weg.

Der Arztbrief kommt. Unbestimmte Keimlage war der Auslöser. Der Arzt hat doch etwas von einem Abstrich gesagt, kommt es mir.

Ich maile ihm. Nachdem er zuvor telefonisch nicht zu erreichen war. Ärzte haben wohl immer viel zu besprechen…

Er antwortet, dass es definitiv kein Corona war. Darauf wurde sie getestet, da sie hohes Fieber hatte. Es gab einen Abstrich:

Sie konnten den Keim des Frühjahrs darin finden…

Photo by Karolina Grabowska on Pexels.com

Veröffentlicht von Autoringewürztmitherz

Willkommen! Fühle Dich wohl bei mir und entspanne Dich bitte! Es würde mich freuen, meine Worte könnten Dich bereichern! Ich bin Autorin, und alle meine Artikel sind "Gewürzt mit Herz". Viel Spaß!

6 Kommentare zu „Chronik eines Sterbens

  1. Hier kann ich nicht den „gefällt mir“ Button anklicken. Obwohl ich es wundervoll von Dir finde wie Du dieses schreckliche Ereignis protokollierst hast. Da sind uns die Holländer weit voraus. Die sogenannten Krankenhauskeime kommen eigentlich gar nicht aus dem Krankenhaus. Sie werden eingeschleppt von Menschen die viel mit Tieren zu tun haben. Landwirte, Lkw Fahrer die Tiere transportieren etc. Die Holländer reinigen jeden Patienten vorher so gründlich das dort nie etwas mit Krankenhauskeimen passiert.
    Eigentlich einfach, für die Deutschen aber scheinbar zu schwer.

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  2. Man kann sich gut -fast plastisch- vorstellen, was ihr alle erlebt habt und wie verantwortlich du gehandelt hast. Das Verarbeiten dauert vermutlich seine Zeit. Ich habe ähnliches erlebt und ich weiß was es mit einem macht.
    Beim lesen deines faszinierend, bestürzenden Aufarbeitungsbeitrages kommen mir die Bilder meiner Mutter, die im September 2018 ablebte in Erinnerung. Sie hatte 3 Söhne, ist mit 84 Jahren gestorben und hat meinen Vater (dement und einen Bauchharnkatheter. etc. als Folgen einer Prostata-Bestrahlung/innere Verbrennungen) ca. 15 Jahren mit steigender Belastung gepflegt. Ihre Hüft-OP hat sie damals überstanden mit 79 -sie hatte die gleiche Einstellung was Klinikaufenthalte anging-. Im Januar 2018 kam sie plötzlich bei einer Routinekontrolle direkt ins Krankenhaus und es wurde in der Folge Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt. Prognose ca. 5-6 Monate.
    Ein Schock für alle, sie hat sich mutig ihrem Schicksal gestellt und wollte keine OP mehr…sondern in Ruhe und Frieden gehen, was wir ihr auch alle ermöglicht haben..eine aufreibende Zeit. Wir waren eine sehr große Familie, meine Mutter hatte 8 Geschwister. Man kann es sich vorstellen. Es gab Nachmittage, da wurden -auf ihren Wunsch, der uns in dieser Zeit Befehl war, Menschen eingeladen von denen sie sich verabschiedet hat. Einer meiner Brüder und ich wohnten in dieser Zeit in dem Haus meiner Eltern und haben geholfen wo wir konnten. Mein Bruder hatte einen Handwerksbetrieb und ich konnte die Doppelbelastung mit einem Job nicht mehr bewerkstelligen und war quasi Pflegekraft. Meine Mutter wollte das Haus nur noch tot verlassen. Ein Hospiz o.ä. kam für sie nicht in Frage. Also haben wir -neben allerlei Pflegekräften, die zum waschen, etc. täglich kamen- den Rest übernommen, Betreuung meines Vaters -heute fast 90 J., lebt mittlerweile in einem Pflegeheim- und die Führung des Haushalts neben allen anfallenden Arbeiten. Als meine Mutter dann im Sep. 2018 starb, waren mein Bruder und ich sowie eine Pflegekraft anwesend…und sie durfte einen Tag länger in ihrem Bett liegen, was ich schön fand. Als der Sarg dann das Haus verließ, waren wir alle sehr mitgenommen. Mein Vater hat sich -nach anfänglichen suizidalen Gedanken- langsam berappelt. Ich bin quasi direkt und für 8 Wo. in eine psychol. Tagesklinik zur Aufarbeitung der Geschehnisse gegangen, wo ich mich schon vor ihrem Tod angemeldet hatte. Mein Bruder hat es etwas ignoriert…..er bekam im April 2019 einen schweren Herzinfarkt. Dieses ist nur eine versuchte Schilderung der Ereignisse. Es ist mir wichtig und es beschäftigt mich immer noch manchmal, aber es hat keinen Impact mehr auf mich. Der Tod gehört zum Leben…und bei dem Tod meiner Mutter sind mir viele Geschichten und Erlebnisse wieder in den Sinn gekommen, auch längst verdrängte und vergessene Vorkommnisse, die mir dann sehr weitergeholfen haben, auch die letzten Gespräche mit meiner Mutter, über ihre Gedanken haben mir manche Dinge deutlicher gemacht. Letztlich betracht ich die Vergangenheit liebevoll, obwohl es eine wirklich bewegende Zeit war.
    Alles Gute auf Deinem Weg!

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  3. Den Keim des Frühjahrs als vermutlich ursächlich für den Tod Deiner Mutter dann auszumachen ist schrecklich! Es macht aber auch deutlich wie gefährlich er ist. Unsichtbar, letztlich kann es jeden treffen…schon alle Pflegekräfte. Ärzte Deiner Mutter, Du selbst….man mag es gar nicht zu Ende denken…möge Deine Mutter gut über den Regenbogen gekommen sein.

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